(Die tönende Einsamkeit)
"Ein Mann macht sich auf nach Pattaya, in dieses verrufene Seebad am Golf von Siam -Weihnachten steht kurz bevor und damit auch die Zeit der größten Einsamkeit. Was will er dort, der einstmals Gefeierte, ins Bodenlose Abgestürzte? Sein hohles Herz mit Tönen füllen, so sagt er seiner Therapeutin vor dem Abflug und protokolliert akribisch jeden einzelnen dieser Töne..."
PROLOG
Düsseldorf / Teheran
In der Tui VIP Lounge Flughafen Düsseldorf. Ausser ihm nur eine Familie aus München. Lodenfraktion, denkt er sofort. Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Alle rauchen. Die Frau braungebrannt, als hätte sie die letzten 14 Tage unter der Turbosonne verbracht und nicht in der Villa in Nymphenburg oder Bogenhausen, ihr Gesicht ein einziger Faltenwurf. Sie mustert ihn, taxiert ihn und fragt dann nach seiner Uhr. Nicht nach seinem Reiseziel, nicht nach seinem Beruf, nicht nach seiner Vergangenheit. Welche Marke das denn sei. Er geniesst die Genugtuung, nicht mehr erkannt zu werden, kostet ihn aus diesen wunderbaren innerlichen Triumph, lächelt, nennt dann die Marke. Die tektonischen Platten ihres Gesichts verschieben sich, das Faltengebirge nickt anerkennend, erhebt sich, streicht Rock und Bluse glatt wie eine Schwesternschülerin, setzt sich in Bewegung, Richtung Kaffeautomat. Nur das Knistern fehlte, denkt er, diese kurze aber hörbare elektrostatische Entladung, dann wäre der Auftritt perfekt gewesen. Sein Blick folgt ihren langen schlanken Beinen, die in ihrer Makellosigkeit in auffallendem Kontrast stehen zu ihrem verwüsteten Gesicht. Gottesacker fällt ihm dazu ein, wohl auch, weil auf einem Grossbildmonitor über der Couch, auf der Mutter und Tochter Platz genommen hatten, ein Fussballspiel gezeigt wird. Mainz gegen Bayern, Stand 0:4. Die letzten Sekunden, der Schlusspfiff. Gleizeitig mit den Spielern im roten Trikot reissen Vater und Sohn die Arme hoch, als hätten auch sie einen Sieg errungen. Oder gekämpft 90 Minuten auf diesem Gottesacker. Die Frau kehrt zurück, zwei dampfende Becher in den Händen. Einen stellt sie vor ihre Tochter hin, die mit gelangweiltem Gesichtsaudruck in der Couchecke lümmelt, die Ohren mit roten Stöpseln verkorkt, aus denen ein dukles Gewummere dröhnt -wie fernes Geschützfeuer. Wieviele Millionen Gehirnzellen wohl zerbröselten jede Minute unter dieser Dauerbeschallung überlegt er, und wie lange es wohl dauerte, bis die Tochter halb taub wäre und sich mit ihrer Mutter nur noch in der Gebärdensprache unterhielte. Er riecht das Kaffeearoma, verspürt Lust, ebenfalls solch einen dampfenden Becher in den Händen zu halten, bedient sich am Automaten, hört in seinem Rücken die Diskussion zwischen Vater und Sohn über die Leistung der Protagonisten. Schweini hin, Schweini her. Und denkt sich, dass er so niemals genannt werden wollte, bei bester Leistung nicht. Und wie man mit solch einem Kürzel leben konnte. Und wie es sein Leben beeinflusste. Und sofort die erwartete Assioziation: Wie man aus diesem Stoff eine Sendung stricken könnte, welche Gäste einzuladen wären, wie der Titel lautete. Ich heisse, also bin ich. Descartes fatal. Untertitel: Wie Namen unser Leben beeinflussen. Zwei Gebrandmarkte, einer, der unter seinem Namen leidet, vielleicht daran zerbrochen ist, ein zweiter, der mit seinem Stigma lebt wie mit einer gut verheilten Narbe. Ein Dritter/eine Dritte, der/die seinen/ihren Geburtsnamen geändert hat und die wohltuenden Folgen beschreibt. Eine Verhaltenspsychologin, die kommentiert, erklärt, vermittelt, wenn nötig. Dazu die Einspielung eines Experten, der die aktuelle Rechtslage erklärt. Anhand eines möglichst saftigen Beispiels. Als Sahnehäubchen die überraschende Statistik deutscher Grosstädte. Wie viele Arschhubers gab es in München, wie viele Fickers in Frankfurt. Konnte man das Olympiastadion in Berlin füllen mit all den Geschundenen, die Geil hiessen oder Loch oder Faul? Vielleicht könnte man Listen an das Publikum verteilen, auf denen anzukreuzen wäre, wie man auf keinen Fall heissen wollte. Um die Top-Ten, die ja dann sozusagen die Worst-Ten wären, noch in der Sendung zu verlesen, an passender Stelle. Er gibt Milch in seinen Kaffee und lächelt. Die gesamte Konzeption fächerte sich bereits auf in seinem Kopf, machte sich breit ohne Rücksicht, wie von Zauberhand entstand so in Minuten das Gerüst für eine Sendung, daran hatte sich nichts geändert. Nur, dass er keine Sendungen mehr machte. Aber die Ideen dazu nach wie vor aufflackerten- wie Irrlichter aus einem anderen Leben und spürbar blieben wie Phantomschmerz. Er schaut zum Schirm: Der Trainer der Unterlegenen wird eingeblendet, Typ ewiger Student. Man habe noch Hoffnung. Obwohl er eingestehen müsse, Ergebnis und Tabellenplatz seien nicht optimal. Die Moderatorin hält ihm die Statistik entgegen, nach der ein über die Winterpause Tabellenletzter in den vorangegangenen zehn Jahren auch immer abgestiegen sei. Rothaarige Hexe, denkt er, geht zurück Richtung Sitzecke, überlegt dabei, ob seine Ablehnung von Frauen als Fussball-Moderatorinnen wohl grundsätzlicher Natur sei. Und da fällt ihm der Dicke ein, den er einmal zu Gast hatte, ganz zu Beginn seiner Karriere. Manager bei einem Club, der einem Konzern gehört, der Kopfschmerztabletten herstellt. Die der Dicke, der sich als überraschend agil und wendig entpuppte, wohl auch nahm, wenn sie wieder einmal nur Zweiter geworden waren wie so oft. Trainiert von einem Fahrigen mit schwarzen Augenrändern, der bereits als kommender Bundestrainer gehandelt wurde und dies wohl auch geworden wäre, hätte man nicht Spuren eines weitverbreiteten Rauschmittels in seinen Haaren nachgewiesen.
Wahrscheinlich halfen Kopfschmerztabletten auf Dauer nicht, wenn man immer nur Zweiter wurde. Der Fahrige tauchte dann ab in die Türkei und der Dicke verkroch sich in seine Villa nach Florida. Wo er ihn auftrieb, besuchte und zu einem Auftritt in seiner Sendung überreden konnte. Zusammen mit einem Suchtexperten, einer Verhaltenspsychologin und einem ausrangierten, geschwätzigen, ehemals hochgeachteten Trainer-Kollegen. Der Dicke hatte unterdessen eine ganze Heerschar südamerikanischer Spieler unter Vertrag genommen, die nach Belieben verkauft oder verliehen wurden, die hin- und hergeschoben wurden auf dem internationalen Transferfeld wie Schachfiguren. Ein Tableau wurde eingespielt, das zeigte, dass das Schatten-Imperium, das der Dicke aufgebaut hatte, mindestens genauso weitverzweigt war wie das des Mutterkonzerns. Da geriet der zum ersten Mal ausser Fassung und fing an zu stammeln. Dachte wohl an die Reaktion der Werksleitung und den guten Ruf des Tabletten-Herstellers, der als grundsolide galt und weit entfernt von mafiösen Strukturen. Die Krake des Herrn C. war das Tableau betitelt und der seit langem Ausrangierte meinte, dass er sich da wohl ein wenig überhoben habe, der geschätzte Herr C., und dies ohne Wissen der Werksleitung. So sei zu vermuten. Und dass da nicht nur der Trainer ausser Kontrolle geraten sei. Und damit überhaupt kein Wunder, dass sie immer nur Zweiter würden, wenn sie gleichzeitig ihre besten Spieler in den Süden verkauften, zum ungeliebten Konkurrenten, vom jetzigen Nationalmannschafts-Kapitän angefangen über den Brasilianer mit den Storchen-Beinen bis hin zu seinem gläubigen Kollegen, der aus dem Mittelfeld die torbringenden Flanken schlug. Die, die man hätte halten müssen, liess man gehen und die, die man hätte abgeben müssen, behielt man. Der Ausrangierte, der sich auf eine Vielzahl von Titeln berufen konnte, zog ein desaströses Resumée. Zweiter sein sei eben gar nichts, stellte er fest, viel schlimmer noch als dritter oder vierter. Vom Zweiten bliebe immer das Scheitern in Erinnerung, das Scheitern, nicht Erster geworden zu sein. Das Unvermögen, in der allesentscheidenden Situation zu siegen. Ein wahrer und würdiger Sieger zu sein. Deshalb auch das Rauschmittel in den Haarspitzen und die fieberhafte Rochade mit den Brasilianern. Da geriet der Dicke ins Schwitzen. Der Dicke, der ihm durchaus sympathisch war, dem er abnahm, dass er neben dem Essen nur für den Fussball lebte. Und der trotz 150 KG Lebendgewicht zum dritten oder vierten Mal verheiratet war und fünf oder sechs Kinder hatte. Auch das ging ihm durch den Kopf während der Sendung. Was war dran an so einem, das ihn anziehend machte für Frauen. Was war es, das ihn einen Schlanken, Guaussehenden, womöglich ebenso Finanzkräftigen, ausstechen liess. Und schon war die Idee geboren für eine nächste Show. Dicke einladen, die prächtige Frauen besassen. Und diese Prächtigen erzählen lassen. Über ihre geliebten Dicken. Was sie schön finden, anziehend, unwiderstehlich in letzter Konsequenz. Was sie an ihnen bevorzugten gegenüber dem schlanken, gutaussehenden Pendant. Und wie man sich das vorzustellen habe in Punkto Sexualität. Das, woran alle dachten in solch einem Augenblick. Wie und auf welche Art und Weise konnte man Lust empfinden mit einem 150 KG Menschen, unter oder auf einem solch schweren, voluminösen Leib, der doch alles erdrücken oder zumindest beherrschen musste. Das wäre doch beiweitem interessanter zu erfahren als die Binsenweisheiten aus dem Munde des Abgehalfterten, der vom längst verblassten Ruhme der 70er zehrte, als alles besser, ehrlicher und gesünder zuging. Er setzt sich, nippt von seinem Kaffee, betrachtet die vollendeten Beine der Mutter. Sie bemerkt es, er lächelt ihr anerkennend zu, wendet den Blick hinauf zum Bildschirm. Neben dem Reporter auf dem Rasen jetzt der Manager der Siegermannschaft. In einer Haltung, die bereits signalisiert, dass er nichts anderes als eine Provokation erwartet von Seiten des Fragenden und auf diese vorbereitet ist. Warum man diesem Menschen nicht einen Trainer zur Seite stellte, der ihm Souveränität beibrachte und Lässigkeit, überlegt er jetzt. Diesem Flammkopf, der sich notorisch ungerecht behandelt fühlt. Siege werden als selbstverständlich genommen und Niederlagen grossgeredet. Na und wenn schon. Schlecht gespielt, lausig vielleicht sogar? Na, das soll doch mal einer nachmachen mit einem solchen Starensemble. Wo der Grund liege? Na, darin, dass der Trainer nur deutsch spreche, natürlich. Schwyzerdeutsch zudem. Und die Spieler eben nur Portugiesisch, Spanisch oder Italienisch. Ach ja, Französisch auch, Hahaha. Oder Bayerisch wie der Schweini, aber das sei ja auch eine Fremdsprache sozusagen. Wie also sollte irgendjemand den Trainer verstehen inmitten dieser babylonischen Sprachverwirrrung? Ganz klar, dass ein jeder da seinen Stiefel herunterspiele wie er es gewohnt sei, seinen brasilianischen, italienischen, französischen. Aber beim Gegner sei es ja auch nicht anders, da stünde ja der halbe Maghreb auf dem Platz. Hahaha. Sehen Sie, Fussball ist eben international. Das wäre eine Replik. So sollte einer antworten, der souverän ist und die Liga beherrscht mit seinem Team. Mit Witz und Verstand. Anstatt sich auf die geringste Provokation einzulassen und gleich den Beleidigten zu markieren. Übergewicht hatte er auch, der ehedem Schlanke, ass wahrscheinlich zu viele Würste aus der heimischen Fabrik. Bluthochdruck also. Auch deshalb der rote Kopf. Aber gewonnen. Die europäisch-südamerikanische Spielkunst gegen das Bollwerk des Maghreb. Oder: Söldner unter sich. Vermochte sich ein tunesischer Ballartist jemals mit einem beschaulichen Städtchen im Hessischen identifizieren, wie deutsch konnte ein Brasilianer werden, auch wenn er mit seinem ganzen Familienclan in Grünwald residierte? Wieder Stoff für eine Sendung. Der Tunesier aus Mainz, der Brasilianer aus München, vielleicht noch einen Japaner aus Kaiserslautern dazu und einen Griechen aus Cottbus. Der Flammkopf poltert und schimpft über das notorische Anspruchsdenken, mit dem sich seine Mannschaft unausgesetzt konfrontiert sehe. Betont die Verdienste als deutsches Fanal im europäischen Verbund, geisselt die Unverhältnismässigkeit der dortigen finanziellen Strukturen, äussert Zufriedenheit über Tabellenplatz und weitere Perspektive, kritisiert nochmals die mangelnde Fairness der schreibenden und übertragenden Journaille und stapft grusslos davon. Auf die provokante Frage des Reporters hin, ob man an ein Team hochbezahlter Spezialisten und ausgewiesener Könner nicht andere Ansprüche stellen dürfe, ja sogar müsse als an einen Haufen zusammengewürfelter Afrikaner. Mit hochrotem Kopf, der in der Kälte draussen im Stadion eigentlich dampfen müsste wie sein eigener heisser Kaffee. Und lacht und prustet fast los vor Vergnügen als ihm über diesem Bild des hochrot Stapfenden die Besetzung einer Sendung einfällt, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen würde. Die Potenz des FCB. Frauen reden, was so Besonders ist an diesem FCB. Die vier oder fünf Ehefrauen des gottgleichen Präsidenten, die sich allesamt zum Verwechseln ähnlich sahen, die brasilianische Geliebte des magenkranken Trainers, die dessen Frau in keiner Weise ähnlich sah, die heimliche Geliebte des Vorstandsvorsitzenden, die noch keiner jemals gesehen hatte. Dazu vielleicht noch ein oder zwei Models von aktuellen Spielern, die blonde von dem, den sie Schweini nannten in etwa und die brunette von dem, der Lahm hiess aber so schnell spielte wie kein zweiter. Beim aufbrausenden Flammkopf war diesbezüglich leider nichts zu holen bis auf ein unscharfes Photo mit einer Unbekannten in New York. Gemach. Die Frauen hinter dem FCB- die wahre Macht im Hintergrund. Er sah sie schon vor sich, die einstweiligen Verfügungen, den Aufschrei, die Proteste. Dabei gönnte er dem ominpotenten Kaiser seine Wiederholungsstrecke, dem ausgelaugten Trainer sein Appetithäppchen, dem unterschätzten Vorstandsvorsitzenden seine Liebschaft und den lahmen Schweinis ihre hübschen Models. Warum denn auch nicht. Schliesslich hatte jeder Prominente heutzutage ein Model zur Freundin. Oder ein Top-Model. Oder ein Super-Model. Man könnte im Umkehrschluss dann auch eine Sendung machen über die Sitzengelassenen, Fallengelassenen, über die Titanen-Gespielin, die ihr Match gegen die betrogene Ehefrau letztlich doch verlor, über die junge Geliebte des Landwirtschaftsministers, die nach monatelanger Bedenkzeit mit einem Töchterchen zurückblieb oder die Zahllosen, die den Weg unseres einzigen wahren Tennishelden säumen. Des ewig Rastlosen, Nimmermüden, auf allen Erdteilen Omnipräsenten. Des Stars seiner allerersten Sendung. Dem er die Fragen stellte, mit denen seine Sendung und damit auch er selbst schlagartig berühmt wurde. Ob er von der ambivalenten Veranlagung der dunkelhäutigen Rapperin nichts gemerkt habe damals in diesem Schlosshotel, wo sonst nur ranghohe Politiker verkehren. Wie die dunkelhäutige Russin es nur geschafft habe, ihn sozusagen im Handstreich zu nehmen in der Wäschekammer dieses Londoner Hotels, unter vorstellbar beengten Verhältnissen und der stetigen Gefahr der Entdeckung und überdies mit bekanntem Resultat. Und ob er den Begriff Samenraub, wie er hernach in der Presse zirkulierte, für diesen aussergewöhnlichen Vorfall gelten lasse. Ob er sich als Opfer fühle, als Beraubter demnach oder eher als angeschmiert. Und ob er den Vorfall und seine Konsequenzen bereue und sich vorstellen könne, in vergeichbarer Situation ähnlich kopflos zu reagieren. Wie er sich überhaupt diesen unheilvollen Drang zu Dunkelhäutigen erkläre. Der sich fortsetze von seiner Schwabinger Babsi angefangen über die russische Samenräuberin und die lesbische Rapperin bis hin zu dem karibischen Revuegirl, das ihn zur Zeit begleite auf seiner Raserei über die Kontinente. Was diesem Rastlosen überhaupt zugrunde liege. Die Jagd nach Anerkennung, Liebe, Sex. Oder alledem. Und was er jetzt zur gross angelegten Vermarktung seiner bezopften Tochter sage, wie es um seine niemals bezogene, vom Teilabbruch bedrohte Finca auf Mallorca bestellt sei und ob er überhaupt irgendeinen Platz auf dieser Welt ein Zuhause nennen könne. Plato hatte gesagt, Liebe ist die Begierde, im Schönen zu zeugen. Mit diesem Satz und einem Bild dazu, das die Wäschekammer des besagten Londoner Hotels zeigte, beendete er seine erste Sendung. Die ein Skandal war und ihn berühmt machte.
Sein Flug wird aufgerufen, er steht auf, reckt sich, nimmt sein Handgepäck, lässt den Kaffee zurück, der ihn enttäuscht hat. Fadenscheinig schmeckt, nichts halbes ist und nichts ganzes. Und mit dem Kaffee auch die Loden-Familie. Die erwartungsgemäss nicht nach Teheran fliegt sondern nach Sylt, London oder New York City. Nach der Ansage spielen sie Mozart, Ouvertüre zur Zauberflöte, kurze Hommage an die Adventszeit, denkt er und da dreht er sich noch einmal um, betrachtet die unbewegt sitzende katatonische Tochter, der Mozart so fremd sein wird wie ihm die gepiercten Lärmspeienden ihrer Generation, Vater und Sohn, die gebannt auf die Tabelle starren, die auf dem Bildschirm gezeigt und mit gewichtiger Stimme auf alle möglichen Konsequenzen hin untersucht wird, winkt zuletzt der Mutter zu, die wohl meinte, er hätte sich wegen ihr umgedreht.
Auf dem Flug mit Mahan-Air, der grössten privaten iranischen Fluggesellschaft, natürlich kein Alkohol, auch in der Business-Klasse nicht. Dafür ein Film nach freier Wahl und auf dem Bildschirm lustige graue Quadrate, die vor alle anrüchigen Stellen springen wie schützende Leibwächter vor einen gefährdeten Staatsmann. Die im gotteslästerlichen Ausschnitt des Zigarettenfräuleins auf- und abhüpfen und sich mühen, den schamlos entblössten Körper der Hauptdarstellerin vor den geilen Blicken der Passagiere zu schützen. Sein Sitznachbar, Kontrolleur für Stahlwerke, liest die Zeitung von hinten nach vorne, riecht nach einem orientalischen Gewürz und bekennt ungefragt, dass man Achmadinedschad nicht entfernt so schätze wie im Westen angenommen. Das sei wie früher bei Honecker und seinen Jubilierenden, als man die wenigen Strassenzüge für die Parade präparierte, während dahinter alles andere zerfiel. Oder wie beim greisen Fidel, wo man die wenigen Getreuen mittlerweile aus dem ganzen Land herbeizerre. Ein Schauspiel. Kabarett. Potemkinsche Dörfer. Die pure Fassade. Macht eine entsprechende Geste und bestellt Kaffee, der aussieht wie eine Mekong-Suppe. Siebzehn Millionen Einwohner zähle die Kapitale mittlerweile und liege unter einer einzigen Dunstglocke, wenn kein Wind wehe sei das wie Bangkok, nur ohne Frauen. Er lacht, schlürft die Mekong-Brühe, schüttelt den Kopf
–Nicht zu glauben, dieser Kaffee
dann verschwindet das Gesicht wieder hinter der Zeitung. Sheherezade und ihre 1001 durcherzählten Nächte, der Schah von Persien und seine Überschalljets, Khomeini und seine Revolutionswächter und jetzt Achmadinedschad, den man zuhause angeblich nicht entfernt so schätze wie von uns unterstellt, was für eine Geschichte, denkt er, das biblische Mesopotamien und darunter das Öl, das die Welt genauso in Atem hält wie das Wort Gottes. Alles geschieht entweder aus Liebe oder aus einem Mangel an Liebe –Margaret, seine Therapeutin- das fällt ihm jetzt ein und wie Recht sie doch hat. Die Seele von allen Dingen zu entleeren, das war ihre Botschaft. Nur in dieser Leere sei Gott zu finden. In dieser Leere, die dann eine Fülle sei, weil voll von Gott. Die tönende Einsamkeit nannte sie das und benutzte die spanische Übersetzung, die ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging: La Soledad sonora. Aber seine Einsamkeit, die ihn zu Margaret führte, tönte nicht, die schmerzte nur, und das ersehnte Tönen wollte sich auch nach der zehnten Sitzung nicht einstellen. Um’s Verrecken nicht.
Da berichtete er ihr von Sendung 23. Der wortgewaltige österreichische Autor, der von den Schrecken des Eises und der Finsternis erzählte und selber aussah wie ein solcher Schrecken. Als sei er eben von einem eisigen Grat gestürzt, einer seiner sturmumtobten Nord- oder Ostflanken, direkt hinab ins gleissende Studio-Licht. Wie konnte ein solcher Mann, ein solcher Wald- oder Bergmensch, der dem Vernehmen nach in einer irischen Kate über schroffen Atlantikklippen wohnte, etwas so poetisches schreiben wie die Suche nach dem am schwarzen Meer, in einer eisernen Stadt verschollenen Dichter Ovid und seiner Metamorphosen. Nie hatte er etwas Schöneres gelesen. Weder vorher, noch nachher. Die letzte Welt. Ein Solitär, ein stahlender Diamant unter all dem billigen Glas, diesem alleserstickenden Literatur-Schund. Da hatte er das erste Mal verstanden, was Sprache vermochte, wozu sie imstande war, wenn man sie ausschöpfte bis zum Grund, sich ihrer Möglichkeiten bediente bis zum Äussersten. Da war kein einziges unnötiges Wort, kein einziges krummes Adjektiv, nichts, aber auch gar nichts, was sie störte, die beinahe unmenschliche Harmonie dieses Werkes. Ein unmenschliches Buch sei es, das hielt er ihm dann auch entgegen, seinem Autor, der das Knirschen des Packeises unter einem in der Arktis gefangengenommenen Schiffskörper heraufbeschwor wie kein anderer. Und fragte ihn nach seinem neuen Werk, dem fliegenden Berg. Ob dass denn gut gehen könne, die Tragödie eines anderen zu beschreiben. Nein, nicht zu beschreiben, sondern sich zu eigen zu machen vielmehr. Ob das nicht zu weit gehe. Und wer diese Judith sei, der er diese Tragödie eines anderen widme. Und ob er sich nicht einsam fühle oben auf seiner sturmumtobten Klippe. Oder diese Einsamkeit mit jemandem teile, vielleicht mit jener Judith.
Da beugte er sich vor, dieser stille Riese, die vielen Fältchen um seine Augen zitterten, ein Strahlenkranz um dieses durchdringend Schiefergraue, und mit sanfter Stimme teilte der zerzauste Bergmensch ihm mit, dass er ihn korrigieren müsse. Die Einsamkeit könne man nicht teilen. Das sei nicht möglich. Wie man ihr auch nichts hinzufügen könne oder wegnehmen in etwa. Einsamkeit sei unteilbar, allumfassend, total. Sie sei oder sie sei nicht. Entweder-oder. Nichts Halbes, nur das Ganze. Er, der Moderator, sei einem Irrtum erlegen, habe sich in den Fallstricken der Sprache verheddert wie so viele. Was er meine, sei nicht Einsamkeit, sonder Alleinsein. Alleinsein sei ein Zustand. Neutral, ungefärbt, wie weisse Wäsche. Erst wenn die Farbe hinzukomme, die Farbe der Melancholie oder Verzweiflung, dann werde aus Alleinsein Einsamkeit. Die Schmutzwäsche. Dann würde aus gewolltem Alleinsein ein ungewolltes, erzwungenes. Einsamkeit eben. Und dann lachte er plötzlich, der Einsamkeits-Poet. Er sei aber nicht einsam, sondern nur allein. Und dieses Alleinsein, also diesen freigewählten Nur-für-sich-dasein-Zustand geniesse er unendlich. Mehr als jede 6000er Wand im Transhimalaya. Und nur in diesem Klima, unter den rauhen Atlantikwinden und den schroffen, gischtverwehten Klippen Irlands, könne er arbeiten, leben. Und seine Farbe, die Klangfarbe, aus denen alle seine Bücher bestünden, zusammenmischen, seine Farbe, wie sie zu mischen ihm an keinem anderen Ort dieser Welt möglich sei. Und damit Poesie hervorbringen, wie er sie sich immer vorgestellt und gewünscht habe,
Das konnte er niemals vergessen, das blieb ihm. Und nachdem er Margaret diese Geschichte von der Einsamkeit erzählt hatte, ging er nicht mehr hin.
Das Publikum auf diesem Flug ist buntgemischt, auch viele Inder mit Übergepäck, wegen des möglichen Anschlusses nach Lahore und Dheli. Bald wird das Essen gereicht, Hühnchen-Kebab und ein Gebäck wie ein Napfkuchen, dazu ein Erste-Hilfe-Täschchen mit Zahnbürste und Überstreifern, die sich die Reisenden sofort über die vom Schuh gelösten Füsse stülpen. Auf den Sitzen nebenan ein Pärchen, das sich nach Beendigung der Mahlzeit professionell für den Schlaf präpariert: Ohrenstöpsel, Augenschutz und eine aufblasbare Nackenstütze wie ein Rettungsring. Überlebenswulst, denkt er, und dass bei einer Notwasserung diese Schlafenden mit ihrer Wurst im Nacken dann wohl die einzigen Geretteten wären. Sein Sitznachbar, der Stahlwerks-Prüfer, schaut einen Film über das Concorde-Desaster, nickt jedoch an den entscheidenden Stellen weg und schnarcht dann leise. Schreckt nur kurz auf und reibt sich verstört die Augen, als das Überschallgefährt auf dem Bildschirm vor ihm mit zerfetzten Reifen in einem einzigen Feuerball zerbirst. Nach dem Essen macht er sich Notizen auf der Kotztüte, was ihm bliebe von diesem Flug. Die Windrose auf dem Monitor, die stetig den Weg nach Mekka zeigte. Das Parfum-Gebläse auf der Flugzeug-Toilette, das ihn nach vollzogenem Geschäft mit einem feinen Sprühregen aus süsslichen Blütendüften benetzte. Und dass ihm die Stewardessen nicht länger als zwei Sekunden in die Augen sahen.
Bei Ankunft in Teheran um 4.30 Uhr morgens gibt’s zum Abschied eine Tüte frischer Pistazien-Kerne.
Am Transfer-Pult wird allen Bangkok-Weiterreisenden zur zweifelsfreien Indentifikation ein gelber Aufkleber auf die Brust gedrückt. Wie in unseligen Zeiten der Judenstern, denkt er. BKK. Für Bangkok. Oder Bumskommando Kaiserslautern, wie ein witziger Pfälzer im 1. FC Kaiserslautern Trikot lauthals skandiert. Niemand lacht, auch die aus seiner Gruppe nicht, die ebenfalls das heimische Trikot übergestreift tragen. Dass Kaiserslautern ja jetzt in der zweiten Liga spielt, denkt er, und dass der Witz ebenfalls Zweitliganiveau hat. Und warum sie wohl diese Fussballtrikots tragen auf ihrer Reise. Ein Stück Heimat mitzunehmen in die Fremde? Auch dort zu zeigen, wofür man sich hält, was einem lieb ist? Die anderen Mitglieder der Herde besser identifizieren oder schneller wiederfinden zu können? Wie der signalrote Hintern bei den Pavianen? Zu demonstrieren, dass auch ein Pfälzer Kosmopolit sein kann? Oder blosses Zusammengehörigkeitsgefühl? Musste man solche Menschen, die eine Heimat besassen und diese mit sich bis nach Asien trugen, nicht beneiden am Ende? Fühlten sie sich dann auch an diesem fernen Ort heimatverbunden? War es das, was ihre Einsamkeit dort tönen machte? Fragen über Fragen, die er gerne gestellt hätte diesem pfälzischen Bumskommando. Und welcher Art denn dann ihre Botschaft wäre, die sie zu vermitteln hätten. Was waren die wirklich wichtigen Fragen? Was ist Liebe? Hatten sie nun einen Nabel, Adam und Eva oder nicht? Gab es einen Urknall und würde es wieder einen geben? War der Mensch Mittelpunkt des Universums oder nur ein gefrässiger nichtswürdiger Bazillus, der die Erde leerfrass und am Ende nur noch sich selber zu fressen vorfand? Fragen über Fragen. Die er niemals mehr würde beleuchten können, weil er keine Sendung mehr hatte zum Beleuchten.
Die weiblichen Passagiere verhüllen ihre Haare mit Tüchern, Schals, auch Tischdecken, ein Gutschein wird gereicht für ein Getränk plus Süssigkeit, es gibt Wassermelonen- oder Granatapfelsaft. Alle Zeichen und Wegweiser auch in Englisch, bemerkt er überrascht -doch ein Kniefall vor dem amerikanischen Dämon. Oder seiner Währung. Die Iranerinnen selbst tragen ihre Kopfbedeckungen eher nachlässig, oft ist nur der Hinterkopf verhüllt, einige Inderinnen scheint das Verschleierungsgebot überhaupt nicht zu berühren, fröhlich lassen sie schwarzglänzende Zöpfe baumeln, Anstoss daran nimmt keiner. Die Musik in der Ankunftshalle dagegen ein einziges Wehklagen. Als herrsche allgemeine Trauer in diesem Land oder sei das Leben von Grund auf von Trübsal und Küümernis geprägt. Er setzt sich, vor seinen granatapfelroten Wassermelonen-Saft. Nur schauen, sagt er sich, nur schauen jetzt. Den Blick schweifen lassen, rundum, absichtslos und auffangen, was immer sich verfängt in diesem Blick-Netz. Und hören. Geräusche erbeuten. Ein Husten, ein Räuspern, ein Lachen. Sie durch das Sieb der Besonderheiten filtern und dem Übriggebliebenen, dem Filtrat nachspüren. Lauten nachhorchen, Bewegungen folgen. Einem Inder, der seinen blutroten Turban trägt wie eine offene Wunde, einem Schwarzen, dem die Schneidezähne fehlen, zwei Iranern, gleichgross (Brüder?), beide mit Augenklappe und pockennarbigen Gesichtern. Einer Gruppe Geistlicher mit langen Bärten, die ihre Gebetsbücher tragen wie Revolver. Kleinen Mädchen, die laut kreischend bunte Hula-Hup-Reifen um ihre Hüften kreisen lassen, die Fingernägel rot lackiert. Den heimatverbundenen Pfälzern, die einige Tische weiter Platz genommen haben und ihm mit ihren erhobenen Kaffeetassen zuprosten.
Irgendwann geht’s weiter, der gelbbesternte Tross setzt sich wieder in Bewegung, gestärkt mit purpurrotem Granatapfelsaft und pechschwarzem Kaffee. Die Stewardess, die ihn zu seinem Sitz begleitet, weiss seinen Namen, begrüsst ihn wie einen alten Bekannten. Sie trägt Kayal um die Augen, das fällt ihm auf. Um die Wartezeit zu überbrücken, bis der letzte Passagier eingestiegen ist, blättert er im Bordmagazin, das ihm für die Business-Class erstaunlich abgegriffen erscheint. Und hätte der Stewardess, die seinen Namen kennt, gerne erzählt, dass das Färben mit Kayal eine lange Tradition besitzt. Dass Kayal früher aus Ruß bestand und im Hinduismus dazu verwendet wurde, Götterstatuen zu mehr Lebendigkeit zu verhelfen. Vielleicht würde mir etwas Kayal auch zu mehr Lebendigkeit verhelfen, mein schönes Fräulein, und meine Einsamkeit würde Farbe annehmen und tönen…tönen. Er steckt das speckige Magazin weg und lehnt sich behaglich zurück. Sieht den Vorbeidefilierenden zu, die hinter den blickdichten Vorhang müssen, in die Economy. Dem wäre er nicht mehr gewachsen, das weiss er, das spürt er. Eingezwängt wie der entführte Reemtsma in seiner Kiste, die Knie stossen schmerzhaft an den Vordersitz, keine Möglichkeit, einmal die Beine auszustrecken, ausser in seltenen Momenten das linke –seitwärts auf den Gang hinaus, wenn ausnahmsweise einmal kein Rollwagen oder Toilettengänger in Sicht war, an Schlaf nicht zu denken. Und dann der stetige Kampf der Ellenbogen um die Vorherrschaft auf der Mittelkonsole, beim Lesen oder während der vielen uniformen Mahlzeiten. Lieber 500 Euro mehr investiert und ein wohltuendes Komfortpaket erkauft: die Benützung der Business-Lounge, eine bevorzugte Abfertigung, vorbei an den Endlos-Economy-Schlangen, eine kayalgeschwärzte Fee, die einem alle erfüllbaren Wünsche von den Augen ablas und zuguterletzt sein paradiesischer Multifunktions-Sessel. Weiches Leder und gefühlte 50 Meter Abstand vom Vordermann, der einen selbst in der absolut Waagrechten nicht zu bedrängen vermochte. Das Flugzeug hebt ab, er spürt, wie er hineingepresst wird in dieses lederne Ungetüm, er spürt die Müdigkeit in seinen entzündeten Augen, den Druck auf seinen verstopften Ohren, seinen Magen, der sich anschickt, Richtung Hals zu marschieren, jeden einzelnen Kilometer, den er bereits zurückgelegt hat und jeden einzelnen Kilometer, der noch vor ihm liegt. Und fühlt sich doch besser mit jedem einzelnen dieser hinter sich gelassenen Kilometer, mit jedem Bisschen zurückgelegter Entfernung, mit jedem Bisschen gewonnener Distanz. Reibt seine tränenden Augen, schnäuzt die verstopfte Nase, schluckt gegen den klopfenden Druck auf den Ohren und stellt sich vor, unerreichbar zu sein. Ein immerwährender Ballonfahrer, ein im Orbit treibender Astronaut, ein Unberührbarer –im besten Sinne. Dem Dasein enthoben schwebte er, trieb er, stromerte er dahin, unsichtbar unter der Tarnkappe der Anonymität. Und das letzte Bild, das ihm vor die tränenden Augen tritt, bevor er in schützenden Schlaf versinkt, ist das einer Peep-Show. Die Klappe geht auf, er sieht den Körper. Sie, das Mädchen, sieht nur Augen. Hinter der Klappe. Hinter der Wand, vor der sich die Scheibe, auf der sie liegt, dreht. Hinter dieser Wand, die sie trennt, den Beobachter und die Beobachtete. Und keiner der Beteiligten, weder der Beobachter noch die Beobachtete sind daran interessiert, diesen Zustand zu verändern, diese gegenseitige Distanz zu verringern, die nötig ist, dem Beobachter das Beobachten und der Beobachteten das Beobachtet werden erst zu ermöglichen. Distanz beschützt. Distanz macht unverletzlich. Distanz ist sein Heilmittel.
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