PROLOG
Bellophon, der erste, der treueste, der perfideste und zugleich unterwürfigste Diener Maldorors, Herr des gräulichen Schreckens und der immerwährenden Finsternis, Herrscher über das liebliche Circinor, ehemaliges Elfenreich Oberons, erwachte schweissgebadet. Er stöhnte laut auf, befühlte sich tastend die nasse Stirn und öffnete vorsichtig die Augen, so vorsichtig, als lauerten neben seiner Bettstatt der leibhaftige und fleischgewordene Erzengel Gabriel nebst seinen psalmschreienden himmlischen Heerscharen, bereit, ihn geradewegs zu verschlingen. Ein Traum, gewiss, ein Albtraum, zweifellos. Er führte penibel Buch über diese Trugbilder von flüchtiger Konsistenz, die verwehten, just in dem Moment, da er seine Augen vollkommen geöffnet hatte und in den grauen Morgen über Circinor starrte. Aber was für Trugbilder. Herrliche, wäre er beinahe versucht gewesen im Geiste zu notieren. Aber so schnell wie dieser ruchlose Gedanke gekommen war, verscheuchte ihn Bellophon auch schon wieder, dem Guten, gleich in welch verlockender Gestalt oder Verkleidung, durfte keinerlei Raum eingeräumt werden, nicht im Denken, nicht im Fühlen und schon gar nicht im Handeln. Das Gute war wie ein Ungeheuer, das einen mit Haut und Haaren verschlang, beging man erst den Fehler, es durch irgendeine unbedachtsame Handlung heraufzubeschwören. Ein Krake, der einen in den jähen Abgrund der Lobgesänge zwang, in den Karzer der Nächstenliebe, auf die glühenden Roste der Vergebung. Er schüttelte sich angeekelt. Er wälzte sich herum und zog das Laken bis unter die Nase. Keine Macht dem Guten. Denn Bellophon hatte seine Seele dem Bösen übereignet. Dem Schwarzen, dem Dunklen, dem Fassungslosen. Er war ein würdiger Diener der bösen Mächte, der bösen Mächte in Verkörperung des schrecklichen Maldoror, seines angebeteten Herrn und Meisters. Der in nicht allzu langer Zeit alle sieben Reiche unterworfen und dann gewissentlich auch für seinen treuesten Vasallen einen kleinen Zipfel seines gewaltigen schwarzen Mantels übrig hätte, seines endlos wallenden, alleserstickenden Brokats, mit dem er vorhatte, das Licht, die Sonne, die strahlenden Sterne und den heiteren Glanz in den Augen der fehlgeleiteten Bewohner der sieben Reiche zum Erlöschen zu bringen. Aber diese Visionen. Zum wiederholten Male seit sie Circinor eingenommen, oder besser überrant und unterworfen hatten. Ein Zusammenhang, der Bellophon beunruhigte, den er leugnete und dann wegschob in den hintersten Winkel seiner Erinnerung. Und der doch immer da war und bohrte wie ein lästiges Magengeschwür. Nach einer Nacht wie dieser fühlte er sich wie gerädert. Er wälzte sich wieder herum, wischte sich Schweiss von der Stirn. Ausgemachter Blödsinn, dieser angebliche Zusammenhang seiner fiebrigen Träume mit der Unterwerfung des Elfenvolkes. Wahrscheinlich hatte er einfach zu schwer gegessen. Bellophon erhob sich ächzend und schlüpfte mit den blossen Füssen in ein Paar Pantoffeln, auf denen, genau wie auf den Pantoffeln seines Herrn zwei Krokodile mit aufgerissenen Mäulern aufgestickt waren, die, aus dem Höllengrund hervorschnellend, einen unvorsichtigen Wanderer zerrissen. Eine Symbolik, die ihm sehr gefiel, seit ihm sein Herr einmal dazu erklärt hatte, dass Unwissenheit eine der Todsünden sei, schlimmer als Gefrässigkeit und Völlerei, und das eben dieser Wanderer –sein Leben lang sich nicht um Erkenntnis bemühend- den nimmersatten Krokodilen der Unterwelt und folgerichtig einer höheren Gerechtigkeit zum Opfer fiele. Bravo. Bravissimo.
Bellophon applaudierte seinem Herrn im Geiste, schleppte sich zum Fenster seiner kalten Mansarde (sein Meister duldete vollkommen zu Recht keinerlei Verweichlichung) und blickte hinaus: Kalksteinklüfte, zerfurchte Karstlandschaft, Salzwüsten. Eine matte Sonne, die ihr erstes fahles Licht über das Kalksteinplateau jenseits der Zitadelle schickte. Alles, wie es seine gute –oder vielmehr böse- Ordnung hatte. Alles, wie es sich gehörte. Nicht einer dieser ekelhaft zwitschernden, gurrenden, dieser scheusslich trällernden, unerträglich jubilierenden, buntgefiederten Vögel, die zu Tausenden die stahlblauen Horizonte seiner nächtlichen Träume bevölkerten, nicht eine dieser penetrant nach Erde und Frühling duftenden Blumen, nicht eine dieser verabscheuungswürdig strotzenden und rankenden saftgrünen Pflanzen, deren Abbilder ihm im Morgengrauen den Angstschweiss auf die Stirn trieb. Kein plätscherndes Wasser, kein honiggelber Sonnenstrahl, keine summenden und brummenden Bienen, keine flatternden Schmetterlinge. Bitterkeit, Ödnis, Salz und Steine, wohin und soweit das Auge blickte. Kein Grund, sich zu sorgen, kein Anlass für abwegige Gedanken. Oder etwa doch? Bellophon kratzte sich den schwarzen Spitzbart, ganz nach Art des Meisters geschnitten und gestutzt, kräuselte die Stirn, öffnete das Fenster und lauschte. Nicht der Hauch eines Geräusches, alles starr und tot, wie es sich schickte. Er schnupperte in die kalte Morgenluft und atmete erleichtert aus: Pestilenz und Schwefel, der Moder der Hölle, ein Geruch, der ihm seit jeher ein Gefühl von Wohlbehagen und Sicherheit beschert hatte. Er presste die Augen zusammen und starrte in die milchig-trübe Ferne, den gewohnten und liebgewonnenen Horizont des ehemaligen Elfenreiches Circinor, presste, starrte und stutzte: Lag da nicht der Schein einer Bedrohung über diesen nackten Kalksteinklüften, diesen öden Salzwüsten, dieser zerfurchten Kalksteinlandschaft? Kroch sie dort nicht langsam heran, heimlich, still und unsichtbar, die namenlose Bedrohung, über das ferne Kalksteinplateau, Schritt um Schritt, Meter auf Meter. Dieser unmerkliche, feine, goldene Schimmer, dieser Hauch von verwerflicher Morgenröte, dieser scheussliche Abglanz des Guten, der ihm Nacht um Nacht seinen Schlaf vergällte? Er horchte wieder. Irgendetwas lag in dieser Luft, in dieser kalten, abweisenden, mit Sandkörnern und Staub erfüllten, von Pestilenz und Schwefel gesättigten Luft von Circinor. Ein Hauch dieser unheimlichen, lebensspendenden Kraft, dieses gleissenden Lichts, das in seinen Fieberträumen aufstieg wie ein mächtiger Sturmwind, unter entsetzlichem, markerschütternden Beben und Tosen, und sie alle verschlang. Das geheime Licht, das immer leuchtet und für immer erstrahlt, dem Einsichtigen jedenfalls. So hatte er es einst gelesen in diesem geheimen Buch Malkut, das der schreckliche Maldoror, sein Herr und Meister, immer bei sich führte und hütete wie einen besonderen Schatz. Wenn er nicht gerade ruhte. Und sich damit für Bellophon die Gelegenheit bot, einen kurzen Blick hineinzutun in dieses Buch der geheimen Ursprünge, verborgenen Wege und unaussprechlichen Entfaltungen. Das Wissen vom Guten kann dem Bösen dienen, dies war Bellophons Überzeugung, und wollte man gar das Gute besiegen und letztlich ausrotten mit Stumpf und Stiel, musste man dann nicht diesen Gegner, diesen gewandten, mit List und Tücke geschlagenen Gegner so gut als irgend möglich kennenlernen? Eine schwierige Frage. Wer mit dem Feuer spielt, kommt durch das Feuer um, so hiess es im Buch Malkut an derjenigen Stelle, die sein Herr und Meister mit einem Eselsohr markiert hatte, bevor er sich zur Mittagsruhe niederlegte und Bellophon es wagte, den ersten, den ersten von mittlerweile zwölf verwegenen Vorstössen zum verbotenen Wissen zu unternehmen. Böse Worte und Werke zu tun, dem hatte er sich verschrieben, mit Haut und Haaren, mit schwarzem Herzen und mitleidloser Seele, die Finsternis ist das Gesicht des Bösen, das sich dem Bösen mit Liebe zuneigt, so lautete das Dogma seines Herrn und damit auch seines, und dennoch…und dennoch wollte er wissen. Und dieser Durst nach Wissen war grösser und stärker als die Angst vor Bestrafung. Aber Vorsicht war geboten dabei, höchste Vorsicht. Denn aus dem Geiste gehen die mächtigsten Wirkungskräfte hervor, da hatte er schon recht, sein allwissender Herr und Meister, Energien, die leicht ausser Kontrolle gerieten, wenn man sich nicht achtete. Die den herrlichen Teppich des Bösen, den der grossartige Maldoror über Circinor ausgebreitet hatte, diesen aus Niedertracht und Lüge gewobenen Brokat verschmutzen, besudeln und letztlich gar zerfressen konnten. Ein Loch hier, ein Loch da, wie die Motten vermochten sich gute Gedanken hineinzufressen in diese schwarze Wolle, da musste man sich einfach höllisch vorsehen. Damit nicht plötzlich aus dem niederen ein feines Element würde, aus dem schmutzigen Erz unvermittelt Goldstaub rieselte. Das Minderwertige ausgehöhlt, die Finsternis geläutert, das wäre der Untergang des Bösen. Auch diese Möglichkeit bestand, so sprach das verbotene Buch. Bellophon erschauerte. Der Untergang des Bösen. Hatte er nicht schon einen Reflex davon erspäht in der immerwährenden Dämmerung, dem fahlen Zwielicht über Circinor, in seinen grässlichen Träumen, seinen aberwitzigen Visionen? Blödsinn. Bellophon fuhr sich entschlossen über die feuchte Stirn, wischte mit dem Schweiss auch alle Zweifel fort und schlurfte zurück zum Bett. Die sieben Reiche waren aus dem Nichts entstanden und würden wieder ins Nichts zurückfallen, so sprach das Buch Malkut. Und er, Bellophon und sein Herr, der grosse Maldoror, würden das ihre dazutun, dass sie eben ein klein wenig schneller ins Nichts zurückfielen als geplant. Von wegen plätscherndes Wasser und singende Vögel. Salzwüsten und Kalksteinklüfte, Pech und Schwefel, Natterngift und Pestilenz, das war ihre Devise. Und dabei würde es bleiben. Bellophon jedenfalls würde nicht wackeln und erst recht nicht wanken, und mochte noch soviel gottgesandtes, doppelzüngiges Ungeziefer seine verwirrten Sinne erschüttern. Dieser Versuchung würde er widerstehen. Dieser Prüfung war er gewachsen. Auch das Gute besass seine ausgebildete Armee von Dämonen, auch das Gute säte Anarchie, forderte auf zum Ungehorsam. Verdammt in alle Ewigkeit und in die tiefsten Höllengründe, gerade hinein in die aufgerissenen Mäuler der grässlichsten Bestien seien sie, die himmlischen Heerscharen.
Mit diesem befreiend lästerlichen Fluch auf den Lippen kroch Bellophon wieder unter die klammen Laken, sein letzter Gedanke, bevor er in einen gnädigen, traumlosen Schlaf fiel, war der, dass man unbedingt den Stein befragen musste, um Gewissheit zu erlangen, vorher würde sich seine Unruhe wohl nicht legen.
I In Digistan
Es war kurz vor Null Uhr, Mitternacht, am 31. Dezember im Jahre des Thor, überall stiegen schon die Raketen in den Himmel, es rauchte und qualmte und heulte, ein Höllenlärm erfüllte die in allen Farben leuchtende Nacht.
„Potzdonner, einen gefährlicheren Zeitpunkt hätten wir uns wirklich nicht aussuchen können“. Die Luftschlange Sirikit schüttelte unwillig ihre zwölf Köpfe. „Ausserdem tun mir schon alle vierundzwanzig Ohren weh von dem infernalischen Lärm. Vom Gestank ganz zu schweigen, der mir in den Nüstern brennt. Und meine Augen tränen auch schon.“
„Hör auf zu jammern“, rief Humbert, der grösste aller Flüsterzwerge aus dem Reich Eilaband. „Wir sind ja gleich da. Da drüben ist es.“ Mit einer Hand hielt er sich im grünen Schopf der Schlange fest, auf dass er nicht von ihrem Rücken geweht würde und in den Höllenschlund fiele, mit der anderen seine Zipfelmütze mit dem magischen Stein, ohne den er hilflos wäre wie eine nackte Elfe und die seine Ohren bedeckte, seine lächerlich-langen Eselsohren, die ihm vom Eselskraut gewachsen waren, das er einnehmen musste, um fliegen zu können. „Die Strasse stimmt, die Hausnummer stimmt, lass uns den Namen überprüfen, dann holen wir uns das Kerlchen und machen, dass wir wegkommen.“
„Wir müssen auch noch das Mädchen mit uns nehmen, diese Anna. Im Buch Malkut steht...“
„Ich weiss, was im Buch Malkut steht. Aber ich halte es für zu gefährlich, gleich zwei Menschenwesen aus Digistan zu entführen. Dieser Lukas muss genügen. Ausserdem haben wir nicht soviel Zeit. Von den neunundneunzig Tagen sind bereits sechsundfünfzig verstrichen.“
Sirikit blies Luft durch die Nüstern, vollführte einen halsbrecherischen Looping, als sie zwei Leuchtraketen ausweichen musste und landete mit einem satten Plopp auf der Stiege vor der Haustüre.
Zwerg Humbert, der mutigste aller Flüsterzwerge aus dem Reich Eilaband, schob sich die Zipfelmütze aus dem Gesicht, die infolge Sirikits Manöver bis hinunter zu seinem mit feinem Rauhreif bedecktem Kinn verrutscht war.
„Potzblitz, das war knapp. Stell dir vor, wir würden getroffen. Unsere Mission gescheitert, und mit ihr die letzte Hoffnung der sieben Welten. Und alles nur wegen so einer blöden Rakete.“ Er stampfte wütend auf, dass seine moosbewachsene Pluderhose nur so staubte. „Und ich hätte noch nicht einmal sehen können, wohin wir abgestürzt wären. Potzblitz und Potzdonner!“
„Diese Wesen aus Digistan richten sich selbst zugrunde mit ihren seltsamen und gefährlichen Gebräuchen. Ich sag`s ja immer wieder. Ausserdem habe ich fürchterlichen Durst. Gibt’s hier nicht irgendwo so ein Ding, das sie Swimming-Pool nennen?“ Sirikit hob elf ihrer Köpfe in alle vier Himmelsrichtungen und schielte mit einem Auge des zwölften Kopfes auf das Namensschild an der Tür. „Morgenstern. Hier sind wir richtig. Verdammt und dreimal zugenäht. Ich verdurste noch, bevor wir den Kleinen erst geschnappt haben.“ Aus sieben der zwölf Münder hing bereits schlaff und leblos eine blasssrosa Zunge.
„Nimm dich zusammen!“ schimpfte Humbert, der vernünftigste aller Flüsterzwerge aus dem Reich Eilaband und nahm vorsichtig seine lange moosbewachsene Zipfelmütze ab. „So kurz vor dem Ziel dürfen wir nicht scheitern. Wir finden nachher bestimmt einen kleinen Bach, der nicht zugefroren ist und den du austrinken kannst. Aber bis dahin geduldest du dich, beim Donar.“ Behutsam rieb er den blassblauen Saphir, den magischen Stein der Wahrheitsliebe, der an die Spitze der Mütze genäht war, in den Händen, bis dieser sanft zu leuchten anfing.
„Los, sieh nach, ob jemand in der Nähe ist. Wofür hast du denn deine zwölf Köpfe. Ich brauche noch ein Weilchen.“
Sirikit reckte gehorsam den Hals, ein Kopf stieg hinauf bis zum Dachfirst, ein zweiter spähte über die Hecke, ein dritter sah den Weg entlang, Nummer vier bis acht suchten nach einem offenen Fenster, Kopf neun behielt die Eingangstür im Auge, Elf und Zwölf beobachteten gespannt das Leuchten des magischen Saphires, das immer intensiver wurde. Ein bläulicher Schein umgab bereits die moosbedeckte Zipfelmütze in den Händen des Zwergs, ein Schein, der sich in den grossen schwarzen Augen der Luftschlange widerspiegelte.
„Herrlich. Ich könnte stundenlang zuschauen, wie du den Zauberstein reibst.“
„Ach!“ Auch Zwerg Humberts rotgefrorene Knollnase erstrahlte in sanftem Blau, in das sich jetzt ein goldener Funke mischte. „Und ich dachte, du bist so durstig.“
Im Inneren der Steins setzte sich langsam ein Bild zusammen, ein Zimmer, in dem Spielsachen auf dem Boden lagen und ein Bett, in dem jemand schlief."
„Er schläft“. Dann können wir ihn holen. Die Luft ist rein.“
„Langsam, Sirikit, langsam.“ Humbert blies auf den Stein und das Bild verblasste langsam, wie auch das Strahlen verschwand. Er setzte sich die Zipfelmütze wieder auf den Kopf und kratzte sich das Kinn, an dem einige kleine Eiszapfen baumelten, die mit frostigem Klirren zu Boden fielen. „Wir müssen strategisch geschickt vorgehen. Man darf uns nicht erwischen. Auf Kindesentführung steht bei den Bewohnern von Digistan eine schlimme Gefängnisstrafe. Und man erzählt sich, dass die Gefängnisse von Digistan sonnenlose Kerker sind, in denen den ganzen Tag der Fernseher läuft.“
„Puh, das ist ja grauenhaft.“ Sirikit schüttelte sich angewidert. „Aber wir wollen ihnen doch nur helfen“ Die Luftschlange zog mit einer ruckenden Bewegung Kopf Nummer Eins ein, ihren Hauptkopf, der um eine Idee gösser war als die anderen elf und der gerade um ein Haar mit einer Sprührakete kollidiert wäre. „Heiliger Thor, das war knapp.“ Gleichzeitig zog sie auch Kopf Nummer Drei zurück, in dessen Nähe ein Donnerschlag detonierte. „Vielleicht sollten wir jetzt endlich einmal das Haus betreten, bevor ich in tausend Stücke gesprengt werde. Kopf Nummer Sieben meldet offenes Fenster im zweiten Stock links, Badezimmer, Toilette soeben benützt.“
Humbert nickte und schwang sich auf den Rücken der Schlange. „Aber vorsichtig und leise, hast du gehört, Sirikit?“
Sirikit schlängelte sich, zehn der zwölf Köpfe seitwärts ausgerichtet, langsam die Hauswand empor. In einigen der Zimmern brannte noch Licht, in einem lief der Fernseher, hinter der Scheibe hörte man Stimmen und das Klirren von Gläsern und Flaschen.
„Ich habe Durst!“ Ein Auge blieb am Fenster kleben und beobachtete schmachtend, wie sich ein Mann ein Glas voller perlender Flüssigkeit in den Rachen schüttete.
„Weiter! Mach jetzt keinen Quatsch. Ausserdem ist das Alkohol. Das Lieblingsgetränk der verkommenen Digistaner, eine Art Nervengift. Das verträgst du ohnehin nicht. Da kriegst du nur dieses schreckliche Magenblubbern, Ohrensausen und dann zehn Tage Flugverbot.“
„Ja, ja, red` du nur. Selber Felsquellwasser saufen, bis man betrunken ins Moos fällt, aber seinem Fluggerät keinen Tropfen gönnen.“
„Psst! Wir sind da. Sieh nach, ob die Luft rein ist.“
Ein Kopf schob sich langsam und vorsichtig auf das offenstehende Fenster zu, ein Auge spähte hinein, zog sich wieder zurück. Der Kopf tauchte wieder hinunter.“
„Brrr! Rein ist die Luft nicht, aber der Raum ist leer. Manche Menschen stinken noch schlimmer als unsere fleischfressenden Feuerdrachen. Und die leiden schon unter schrecklichen Ausdünstungen. Ich warte draussen.“ Mit dem Hinterteil schob die Luftschlange den Zwerg direkt an die Öffnung des Fensters. „Guten Rutsch.“
Zwerg Humbert, der beredtsamste aller Flüsterzwerge aus dem Reich Eilaband, wollte noch etwas einwenden, kam aber nicht mehr dazu, denn bevor er noch den Mund öffnen konnte, rutschte er auch schon den Hals der Schlange hinunter, flog, durch eine Neigung des Kopfes beschleunigt, durch das offene Fenster und landete, die frostige Nase voraus, in einem Zuber mit erkaltetem Seifenwasser. Das moosige Gewand über und über mir Schaum bedeckt, erhob sich Humbert triefend und tropfend aus der Plastikwanne, in der noch wenige Stunden zuvor ein Säugling gebadet worden war und drehte sich erzürnt nach dem Fenster um. Kein Kopf, kein Auge, die Schlange hatte das Missgeschick sicherlich mit angesehen und sich verdrückt. Wahrscheinlich hielt sie sich, unter irgendeinem Sims verborgen, den Bauch vor Lachen. Egal. Die Arbeit wollte zu Ende geführt sein. Dann war immer noch genügend Zeit, sich für Sirikit irgendeine kleine Bosheit einfallen zu lassen. Vielleicht eine Strafexpediton nach Bembelir, in den Zauberwald, zu den Baumgeistern und Dryaden. Um das begehrte Baumharz der Muttergottesfichten zu sammeln, das nur dort vorkam, dazu ein wenig Besenkraut und den seltenen Kreuzwurz, da musste man sich mit den Oreaden, den Nymphen der Berge und Wälder gutstellen und zusehen, dass man nicht auf einen der vielen übellaunigen Faune traf, diese gehörnten Waldgeister, die im Zauberwald von Bembelir ihr Unwesen trieben. Die alljährliche Expedition nach Bembelir zusammenzustellen, das notwendige Quantum Baumharz der heiligen Muttergottesfichten beizubringen, gestaltete sich zunehmend schwieriger, immer wieder kehrte ein Trupp Wagemutiger völlig aufgerieben oder die Teilnehmer mit verschieden gossen schlenkernden Gliedmassen, Hörnern statt Ohren, Eulenaugen, Froschgesichtern und Vogelstimmen zurück. Dennoch musste die Expedition stattfinden. Denn wenigstens einmal pro Jahr musste das Moos, mit dem der Körper der Flüsterzwerge von Eilaband bewachsen war, mit einem Sud aus dem heiligen Harz der Muttergottesfichte, dazu Kreuzwurz und Besenkraut, sowie ein Dutzend weiterer geheimer Ingredienzen, die nur der Druidenzwerg von Eilaband kannte und diese auch nur an seinen Nachfolger weitergab, getränkt werden. Fand dieses Ritual nicht pünktlich statt, trocknete das Moos aus und die Flüsterzwerge von Eilaband müssten elendiglich ersticken. Ja, die Expedition nach Bembelir, die bald wieder bevorstand, das wäre eine Möglichkeit. Oder vielleicht auch eine Extrawache am Fusse der Esche Yggdrasil, des riesigen Weltenbaumes, der das gesamte Universum der sieben Reiche zusammenhielt. Wenn sie nicht doch noch zu spät kamen und der blutrünstige Drache Nidhögg die Wurzeln vollends durchgefressen hatte.
Humbert lief der Tür des Badezimmers entgegen, mit kleinen, patschenden Schritten, winzige schaumige Pfützen auf dem Badezimmerboden hinterlassend. Er öffnete die Tür, stellte die langen Eselsohren, lauschte und schritt dann auf nassen Sohlen links um die Ecke, auf den Raum zu, der, wie ihm der magische Stein gezeigt hatte, das Kinderzimmer von Lukas Morgenstern war, des Erwählten. Des einen der beiden Erwählten. Blut und Milch, sprach das Buch Malkut dazu, Blut, das war das schwarzhaarige Mädchen, auf das sie aus Zeitgründen verzichten mussten, Milch, das war der blonde Junge, den sie hoffentlich in wenigen Minuten an der Angel haben würden. In der einen Hand hielt er bereits die triefende Zipfelmütze mit dem Saphir, den er zwischen den Fingern rieb. „Yggdrasil, Königin der Bäume, zeig mir seine Träume“, flüsterte Humbert, der wagemutigste aller Flüsterzwerge aus dem Reich Eilaband und starrte in das blaue Licht, das im Inneren des Steines glomm. Lukas Morgenstern, der Junge, der hinter der Tür schlief, hinter der Humbert, der Abgesandte des Zwergenkönigs Baldur jetzt stand, den glimmenden Zauberstein in den klammen Händen, der Junge, der als einziger Junge um Punkt Null Uhr des neuen Äons geboren war und deshalb als einziger von allen Jungen auf dieser Welt für die Aufgabe in Frage kam, der Junge, der in wenigen Sekunden neun Jahre alt würde, träumte von seinem Weihnachtsgeschenk, einem Aquarium mit verschiedenen bunten Fischen. Humbert lächelte, ein guter Traum, ein positiver Traum, ein ermunternder, erfrischender Traum, da hatte er schon ganz andere erlebt, die die Mission erschwerten, die in computeranimierten Kerkern oder auf oszillierenden Schlachtfeldern unter wutschnaubenden Gorgonenkriegern spielten, und fädelte sich ein in diesen Traum, den der junge Lukas Morgenstern träumte. Er wurde zu einem Barsch mit feuerrotem Schwanz und goldenen Kiemen, er schwamm seinem Schwarm von feuerroten Barschen mit silbernen Kiemen voran und öffnete den Mund, um zu Lukas zu sprechen.
„Wir brauchen deine Hilfe, Lukas. Deine Hilfe.“ Humberts runder schwarzer Barschmund klappte auf und zu. „Deine Hilfe, Lukas, verstehst du mich?“ Er fächelte mit dem feuerroten Schwanz, plusterte das schuppige Gefieder. Blasen stiegen auf an der Wand des geträumten Aquariums, zerplatzten mit einem sanften Plopp an der gekräuselten Wasseroberfläche, der Junge drehte sich unruhig hin-und her. Dies war die gefährlichste Phase, wenn der Kontakt jetzt abbrach, musste Humbert von vorne anfangen. Sich zurückziehen, einen neuen Traum abwarten und in veränderter Verkleidung wieder auftauchen. Als wutschnaubendes Rhinozeros, als weisses karottenfressendes Kaninchen, als turmhohes grünes Monster mit Blasenkopf und Taschenlampenaugen, als furchterregender Gorgonenkrieger auf einem oszillierenden Schlachtfeld, als verwachsener Gnom mit Rassel und Kette. Was hatte er da nicht schon alles erlebt. Was hatte er nicht schon alles erdulden, einstecken müssen. Welch schreckliche Verwandlungen hatte er nicht schon über sich ergehen lassen müssen, welch scheussliche, makabre oder auch vollkommen lächerliche Verkleidung anlegen. Ein ganzes Buch könnte er schreiben, einen dicken, ledergebundenen Bildband, in dem sich all die unvorstellbaren Wesen tummelten, all die grotesken Kreaturen, die unsagbaren Gestalten, die zotigsten Tiere und albtraumhaftesten Monster, die Nacht für Nacht die unruhigen Träume der Kinder bevölkerten. Aber noch bestand Kontakt, war Zwerg Humbert kein winziger Flüsterzwerg, sondern ein imposanter Barsch im strahlenden Schuppenkleid.
„Hörst du mich, kleiner Lukas. Ich bin Humbert, der tapferste aller Zwerge aus dem Reich Eilaband . Ich bin gekommen, um dich zu bitten, uns zu helfen. Die sieben Welten sind in Gefahr. Wir müssen einen verwunschenen Drachen besiegen, der dabei ist, die Wurzeln des Weltenbaumes durchzubeissen. Wenn die Esche Yggdrasil fällt, stürzt auch dein Reich, das Reich Digistan, das ihr Erde nennt, in sich zusammen. Verstehst du mich?“
Der Junge warf sich unruhig herum, diese Reaktion war normal, sobald Kontakt hergestellt war. Jetzt musste er die Mitteilung in seinem Traum verarbeiten. Noch war nicht daran zu denken, vor ihn zu treten. Ihn aus seinen Träumen zu holen und in den Wachzustand zu schicken.
„Hörst du, Lukas. Du bist der einzige von allen Jungen aus allen sieben Reichen, der uns helfen kann. Weil du der einzige von allen Jungen aus allen sieben Reichen bist, der exakt um Mitternacht des neuen Millenniums geboren bist. Das ist ein magisches Datum. Deshalb bist du mit Zauberkräften ausgestattet, von denen du nichts weißt. Und nur diese Zauberkräfte können uns helfen, den Drachen Nidhögg zu besiegen, den uns der schreckliche Maldoror, der Meister des Dunkel und der Finsternis, geschickt hat. Hörst du mich, kleiner Lukas, verstehst du mich? Im heiligen Buch Malkut steht geschrieben, dass nur ein im Auge des neuen Äons Geborener die Gabe besitzt, den Drachen in seine Schranken zu verweisen und die ewige Dunkelheit abzuwenden, den schwarzen Mantel des schrecklichen Maldoror, mit dem er sieben Welten zu umhüllen trachtet. Willst du uns helfen, tapferer Lukas, wirst du uns beistehen, die sieben Reiche zu retten?“
Humbert war näher und näher an das Bett des Träumenden herangerückt und stand nun direkt neben dem schlafenden Jungen. Er blickte auf die schimmernden Bilder des Steins und gleichzeitig auf die Brust des Jungen, die sich rhythmisch hob und senkte. Sein Atem ging unregelmässig, von Seufzern durchbrochen, ein weiteres Zeichen, dass Verbindung bestand.
Der Junge blickte in den grossen, schwarzen Schlund des Barsches mit der feuerroten Flosse und den goldenen Kiemen. „Willst du uns helfen, tapferer Lukas, wirst du uns beistehen, die sieben Welten zu retten?“ Er wagte sich näher heran an diesen Schlund, an diesen gähnenden Abgrund, und da konnte er sie hören, die schauerlichen Geräusche. Dieses grauenhafte Malen und Kauen. Dieses grässliche Schmatzen und Sägen. Der Drache, der genüsslich die Wurzeln des Weltenbaumes verspeiste. Der Junge wagte sich ein Stück weiter vor, und jetzt hörte er auch den hohen, weinerlichen Ton, der das tiefe Brummen des Drachen übertönte. Die Esche weinte. Sie wand sich in Schmerzen und verrgoss silbrige Tränen, die sich zu den silbernen Schuppen verdichteten, mit denen das Kleid der Barsche ausstaffiert war. Das Kleid dieser seltsamen gold- und silberglänzenden Barsche, dessen Anführer jetzt wieder zu ihm sprach.
„Willst du uns helfen, tapferer Lukas, wirst du uns beistehen, die sieben Welten zu retten?“
Warum ass er denn nur die Wurzeln dieses besonderen Baumes, der Drache? Ernährten sich Drachen nicht vielmehr von scharfem Fleisch, dass ihr Atem brannte? Lukas hörte das Ächzen des gequälten Weltenbaumes, er hörte den hohen, weinerlichen Ton und das gräuliche Schmatzen. Als ob jemand bei lebendigem Leibe verspeist würde. Er trat einen Schritt zurück und noch einen und noch einen, und da stand er wieder vor diesem Maul, das sich öffnete und schloss wie ein grosses dunkles Tor.
„Willst du uns helfen, tapferer Lukas, wirst du uns beistehen, die sieben Welten zu retten?“
Wie sollten denn Fische irgendwelche Welten retten? Geschweige denn einen blutrünstigen Drachen besiegen? Fische konnten sich doch nur im Wasser aufhalten. Aber vielleicht war dieser sonderbare Fisch auch nur Überbringer der Nachricht...Und von welchen Kräften sprach er wohl? Zauberkräfte. Als einziger von allen Jungen aus allen Welten... ein sprechender Fisch, der Zauberkräfte beschwor...um eine alte knorrige jammernde Esche zu retten. Den Weltenbaum. Damit die Erde nicht zusammenstürzte...
Humbert, der tapferste aller Zwerge des Königreiches Eilaband, starrte in den glimmenden Stein an seiner tropfenden Zipfelmütze und beugte sich über den Kopf des Jungen, legte seinen Mund leicht an sein Ohr.
„Willst du uns helfen, tapferer Lukas, wirst du uns beistehen, die sieben Welten zu retten?“
Der Junge schlug die Augen auf, starrte an die Decke. Irgendjemand hatte ihm ins Ohr geflüstert. Genau die gleiche Stimme, mit der auch der Barsch zu ihm gesprochen hatte. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas war anders, irgendetwas...irgendjemand befand sich in diesem Raum. Beobachtete ihn. Nur nicht bewegen, nur nicht laut atmen...
Humbert hielt Lukas Morgenstern den glimmenden Stein vor die Augen, erstaunt sah der Junge auf das Bild im Inneren des Steins: sein Zimmer, er selbst im Bett, und ein nassgewordener Zwerg, der ihm einen glimmenden Stein vor die Augen hielt. Und der Zwerg, der jetzt zu ihm sprach, mit dieser seltsamen, flüsternden Stimme aus seinem Traum:
„Willst du uns helfen, kleiner Lukas, wirst du uns beistehen, die sieben Welten zu retten?“
Lukas überlegte, dann drehte er ganz vorsichtig seinen Kopf, um sich davon zu überzeugen –denn er war mindestens genauso neugierig wie mutig- ob tatsächlich ein nassgewordener Zwerg mit Flüsterstimme neben seinem Bett stand, der eine Zauberkugel in den Händen hielt.
„Hallo, Lukas“, sagte Humbert mit der seiner Meinung nach vertrauenserweckendsten aller Stimmen, die ihm zur Verfügung stand, „du musst keine Angst haben, ich bin gekommen, um dich zu bitten...“
„Ja, ja, ich weiss“, antwortete Lukas und drehte sich weiter zu Humbert hin. „Der Drache, der die Wurzeln der Esche frisst. Ich soll ihn besiegen. Damit der Baum nicht umstürzt und die Welt erschlägt. Ich habe Zauberkräfte. Und ich habe keine Angst. Und du musst nicht so komisch flüstern.“
Humbert, der schlaueste Zwerg des gesamten Zwergenreiches Eilaband, lächelte siegessicher. „Ja, keine Angst. So ist es recht, kleiner Lukas. Angst sollen nur die anderen haben. Aber weißt du, ich bin ein Flüsterzwerg aus dem Reich Eilaband, dem Reich der Zwerge, Drachen und Kobolde. Wir Flüsterzwerge sprechen alle so.“
„Wie machst du das, dass du dich als Fisch verkleiden kannst?“
„Oh, das ist einer meiner besten Tricks. Und natürlich ein Geheimnis. Aber wenn wir wieder zurück sind und den Drachen besiegt haben, verrat ich`s dir. Dann kannst du dich auch einmal als Fisch verkleiden.“
„Will ich gar nicht. Aber ein Drache möchte ich gerne mal sein. Und meinen grossen Bruder erschrecken.“
„Ein Drache. So, so. Na gut, wir werden sehen, was sich machen lässt, beim Odin.“
Der Junge setzte sich auf und rieb sich die Augen. „Mit richtig Feuer speien und so.“
Humbert hauchte einmal auf den Zauberstein, das Bild verblasste, das Glimmen jedoch blieb, so dass sie kein Licht machen mussten im Zimmer. „Mit ordentlich Feuer speien und so. Klar. Das lässt sich bestimmt einrichten.“
„Bist du ein richtiger Zwerg?“
Humbert verzog das Gesicht. „Ein echter Zwerg. Ja, das bin ich. Prinz Humbert der Grosse. Aus dem Geschlecht der Humberts von Eilaband. Wir Flüsterzwerge von Eilaband sind die Schutzbefohlenen des Weltenbaumes. Unsere besondere Gabe sind unsere Flüsterstimmen, mit denen wir uns in eure Träume einschleichen können. Ich bin ihr Abgesandter. Der grösste, mutigste und schlaueste.“ Humbert klopfte sich leicht auf die moosbewachsene Brust, in Momenten wie diesem kam er sich vor wie ein Riese.
„Blablabla“, sagte der Junge, der sich mehr und mehr als frech und unerschrocken entpuppte „Du und gross.“
Respektlose Rotznase, dachte Humbert gerade, der edelmütigste aller Flüsterzwerge im Reiche Eilaband, du wirst schon noch sehen...als plötzlich die Zimmertür knarrte und sich ein grünliches Monster mit zwölf Köpfen in den Raum schlängelte.
Blitzschnell legte Humbert dem Jungen seine Zwergenhand auf den Mund, bevor daraus noch ein Schrei oder sonst ein Geräusch des Erschreckens entweichen konnte. Der unzweifelhaft das gesamte Haus aufwecken, die Mission zum Scheitern und sie beide in eines der berüchtigten Gefängnisse von Digistan bringen würde: „Schscht...die gehört zu mir.“
Der Junge sah die Schlange mit aufgerissenen Augen an, atmete stockend durch die Nase aus.
„Ist gut, ist ja schon gut.“ Humbert nahm die Hand vom Mund des Jungen, der die Lippen fest aufeinandergepresst hielt. „Sie kann ja nichts dafür, dass sie so hässlich ist.“
„Glaub kein Wort.“ Zwölf grüne Köpfe in einer Reihe starrten den Jungen neugierig an. „Er ist nur neidisch, weil er selbst so ein hässlicher kleiner Zwerg ist. Aber denk dir nichts, die sehen alle so aus. Eben klein und hässlich. Aber ausgezeichnete Schmiede sind sie. Der gewaltige Hammer Thors, der Speer des unbarmherzigen Odin, das herrliche Halsband von Freya, der magische Ring...na, ist auch nicht so wichtig jetzt. Das ist er also, unser Zauberlehrling. Scheint mir gar nicht so verängstigt zu sein.“
„Ich habe auch keine Angst.“ Mit weit aufgerissenen Augen und leichtem Zittern in der Stimme musterte Lukas die zwölfköpfige Schlange. „Bist du eine Hydra?“
„Eine Hydra? Um Gottes Willen, Junge, wie kommst du denn auf sowas? Wir sind doch nicht im Altertum. Ich bin ein modernes Verkehrsmittel. Ein komfortabler Flugapparat. Schon seit Jahrtausenden in Diensten der Könige von Eilaband. Da ein kleiner hässlicher Zwerg zwar schöne Armbänder und untrennbare Ketten fertigen, aber nunmal nicht fliegen kann, benötigen sie für weitere Strecken elegante und hochmoderne Fortbewegungsmittel wie mich, eine aerodynamische Flugschlange eben.“
„Hör auf mit deinem überheblichen Palaver, Sirikit. Wir müssen machen, dass wir wegkommen, bevor uns noch jemand entdeckt.“ Humbert rieb an dem Stein, liess sich eben die angrenzenden Räume zeigen und prüfte den Fluchtweg, als er auf dem Rücken der Schlange eine kauernde Gestalt mit langen Eselsohren entdeckte.
„Bei allen Göttern Agalifs, wer sitzt da auf deinem Rücken?“
Die Schlange drehte zwei ihrer Köpfe nach hinten, die anderen sahen beschämt zur Seite. „Äh...nun ja...um genau zu sein, handelt es sich bei unserem zweiten Passagier um ein weibliches Wesen der Digistan-Rasse mit Namen Anna. Geboren exakt zur selben Stunde wie Passagier Lukas und deshalb gemäss dem heiligen Buch Malkut ebenfalls mit denselben magischen Fähigkeiten...“
„Ich hatte beschlossen, dass wir nur den Jungen mitnehmen, wie kannst du es wagen...“
„Während du...äh... gebadet hast, habe ich einen kurzen Abstecher nach drüben unternommen. Die beiden sind ja fast Nachbarn. Es war ganz einfach. Sie hat das Eselskraut auch sofort gekaut. Ausserdem erhöht es unsere Chancen beträchtlich. Betrachte es doch einmal so herum.“
Zwerg Humbert presste vor Wut die Lippen aufeinander, die ach so begehrte Expedition nach Bembelir war dieser aufrührerischen Flugschlange, diesem eigenmächtig und unverantwortlich auftretenden Wesen namens Sirikit gewiss. Mochte sie auch auf ein Rudel wilder Faune treffen und mit schlenkernden, verschieden gross gewachsenen Gliedern, Hörnern statt Ohren, Eulenaugen, Froschgesicht und Vogelstimme zurückkehren. „Wir reden später darüber. Jetzt müssen wir machen, dass wir fortkommen!“
„Aber nicht wieder durch die stinkende Toilette!“
„Halt den Mund, Sirikit. Wir sind schliesslich nicht auf Einkaufsbummel.“
„Wo soll es denn überhaupt hingehen?“, mischte sich der Junge ein, der die Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten gespannt verfolgte. „Und was sagen Papa und Mama dazu, dass ich euch helfen soll?“ Lukas Morgenstern, der einzige von allen Jungen aus allen sieben Welten mit den notwendigen magischen Anlagen, setzte sich auf und streichelte der Reihe nach die grünen Köpfe der Schlange, die begann, genüsslich zu schnurren.
„Wir lassen Papa und Mama eine Nachricht zurück“, sagte Humbert und warf der schnurrenden Schlange einen giftigen Blick zu. „Das machen wir immer so. Hat sich...äh...bewährt. Dann wissen deine Eltern, wo du bist und dass wir dich sicher wieder zurückbringen. Nach Beendigung unserer ...äh...kleinen Mission.“
„Okay, von mir aus. Einverstanden. Wenn`s so unheimlich wichtig ist. Wann soll`s denn losgehen?“
„Wie meinst du das, wann soll`s denn losgehen?“ Zwerg Humbert, der gefassteste aller Flüsterzwerge Eilabands war drauf und dran, seine sprichwörtliche Fassung zu verlieren. Sein sympathischer Flüsterton nahm einen schärferen Zug an. „Die Wurzeln des Weltenbaumes, der unter anderem auch dein blödes Digistan trägt, sind in genau dreiundvierzig Tagen zerrissen, durchgefressen, vernichtet, dann fällt die Esche um und alle sieben Welten, unter anderem auch dein blödes Digistan, stürzen in sich zusammen. Dann sitzt du im Dunkeln. Für alle Zeit. Wenn du überhaupt noch sitzt! Und du fragst mich, wann es losgeht? Jetzt geht`s los. Gleich. Sofort. In diesem Augenblick. Jede Sekunde ist kostbar. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Entgeistert sahen alle zwölf Augenpaare der Flugschlange Sirikit den gefasstesten aller Flüsterzwerge an. So hatte sie ihn noch niemals erlebt. Er schien ehrlich aufgebracht. War ja auch wahrlich eine schreckliche Vorstellung, so plötzlich im Dunkeln zu sitzen für alle Zeit. Wenn man überhaupt noch sass.
Lukas Augen folgten dem energischen Auf-und Ab der geplusterten Arme des schimpfenden Zwergs. „Ist ja schon gut. Mann, ihr müsst es ja wirklich eilig haben.“ Er erhob sich aus seinem Bett und ging zum Schreibtisch, über den seine Kleidung –Unterhose, Socken, Unterhemd, Pullover und lange Hose- gebreitet lagen. „Ich ziehe mich nur schnell an. Ausserdem müssen wir noch die Nachricht für Papa und Mama schreiben. Damit sie sich keine Sorgen machen.“
Zwerg Humbert, der entschlossenste aller Flüsterzwerge Eilabands nahm den Jungen bei der Hand. „Moment. Moment. Anziehen ist nicht notwendig.“
Er streckte Lukas auf seiner geöffneten Handfläche ein Kraut hin. „Kau das. Es nennt sich Eselskraut. Ein magisches Kraut. Wenn du es kaust, wachsen dir lange Eselsohren, mit denen du wunderbar balancieren kannst in der Luft. Ausserdem wird dir nicht schwindelig und du bekommst keine Flugangst. Ein angenehmer Nebeneffekt ist ausserdem, dass du automatisch passend eingekleidet wirst. Für eine Reise, wie wir sie vorhaben.“ Humberts andere Hand legte ein Schriftstück auf dem Schreibtisch des Jungen ab. „Und das hier haben wir bereits vorbereitet. Die Instruktionen für deine Eltern. Da steht drauf, wer wir sind, warum wir ausgerechnet dich brauchen, was unsere Mission ist und dass wir versuchen, dich...äh...gesund und ...äh...wenn möglich in einem Stück wiederzubringen. Gezeichnet von Humbert, dem ehrlichsten aller Flüsterzwerge Eilabands, Sirikit, der aerodynamischten Schlange aller sieben bekannten Welten und versehen mit dem ehernen Siegel der Verschwiegenheit.“
Der Junge sah auf das magische Kraut, das ihm der Zwerg hinstreckte und das aussah wie ein Bund Petersilie. Harmlos. Aber was, wenn ihm die Eselsohren blieben? Zum Gespött der ganzen Klasse würde er. Lukas mit den Eselsohren, würden sie ihn rufen und hänseln die ganze Pause lang. Und ihm im Winter seine Strickmütze vom Kopf ziehen, dass die langen Ohren sichtbar würden. Und ihn Langohr rufen, Schlappohr, Eselsohr...Und wenn er gleich aufwachte und alles wäre nur ein Traum? Und wenn sich seine Eltern doch Sorgen machten um ihn? Lukas Morgenstern sah in das Gesicht des Zwerges Humbert, des fähigsten aller Flüsterzwerge Eilabands und in seine Augen, die grösser wurden und grösser, vertrauter und vertrauter, denen er entgegentrieb, die ihn an die Augen seiner Mutter erinnerten, deren Stimme er plötzlich hörte und die zu ihm sprach: „Sei ohne Sorge Lukas, du kannst ihnen vetrauen. Gehe mit ihnen und hilf ihnen, die sieben Welten zu retten.“ Und plötzlich, hinter seiner Mutter, auch sein Vater und dessen tiefe, warme Stimme: „Sei ganz beruhigt, mein Sohn. Du hast eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Wir bauen auf dich.“ Und er sah, wie sich eine Hand nach dem Kraut ausstreckte, es zum Mund führte und er anfing zu kauen. Er merkte noch, dass sich ein säuerlicher Geschmack in seinem Mund breitmachte, dann fand er sich auch schon auf dem Rücken der Schlange sitzend und durch die dunkle Nacht sausend, vor sich ein winziger Flüsterzwerg mit Zipfelmütze und vereister Knollnase, hinter sich eine kauernde Gesstalt namens Anna, die am selben Tag wie er...Anna? Sie hatten doch wohl nicht ausgerechnet diese Anna mitgenommen?
Das sind Prolog und 1. Kapitel der Weltenbaum-Saga. Wenn Ihnen die Geschichte gefällt, werde ich sie für Sie weitererzählen bzw. die bereits fertig geschriebenen weiteren Kapitel nach und nach an diesem Ort ins Netz stellen. Schreiben Sie mir hierzu einfach eine email mit Ihrem Wunsch an ommadawn@email.de