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Oliver Rinaldi
Tulagiri

"Die Reise nach Tulagiri ist...ein Erlebnis in 10 Inseln!"

 

PROLOG

DER KÖNIG VON TULAGIRI

 

 

-Die Geschichte, die ich euch beiden jetzt erzähle, handelt von einer  Reise. Einer Abenteuerreise. Einer echten Abenteuerreise. Der wichtigsten Reise und dem grössten Abenteuer, das man überhaupt unternehmen kann. Und wir alle –ihr beiden, ich, alle Menschen auf dieser Welt befinden sich auf dieser Reise. Ob sie es nun wissen oder nicht.

-          Jeder einzelne von diesen vielen, vielen Menschen?

-          Jeder einzelne. Ja, Anna.

-          Und wohin geht diese Reise. Wo wollen all die vielen Menschen hin?

-          Nach Tulagiri, Luca. Das ist eine Insel weit draussen im unendlichen Ozean. Ein paradiesisches Fleckchen.

-          Das muss aber eine riesige Insel sein, dass alle Menschen auf ihr Platz haben.

-          Tulagiri hat Platz für alle. Für alle, die dort ankommen. Der König ist ein weiser Mann und hat vorgesorgt. Er freut sich auf jeden einzelnen Besucher und begrüsst und kümmert sich um alle Gäste persönlich. Dass es ihnen an nichts fehle.

-          Erzähl uns von dem König. Hat er eine richtige Krone? Ist er dick? Alle Inselkönige sind dick. 

-          Er ist riesig, dieser König. Hoch wie ein Baum. Und er hat einen gewaltigen Bauch, der auf-und abwippt, wenn er lacht. Und er lacht viel, dieser König. Und wenn sein Bauch auf-und abwippt, dann gibt es einen gewaltigen Sturm auf dieser Insel, der alle Sorgen, den die Menschen mitbringen, sofort wegbläst. Alle Sorgen und Nöte, aller Kummer, den die Menschen, die diese Insel besuchen im Gepäck dabeihaben, findet in diesem gewaltigen Königsbauch Platz. Dafür ist er da.

-          Du meinst, er frisst Kummer? Er ernährt sich von den Sorgen der Menschen?

-          Dafür ist der Kummerbauch da, genau. Und wenn er lacht, der König, und er lacht oft, das sage ich euch, dann fängt dieser volle Bauch ganz gewaltig an zu wippen. Auf und ab und wieder auf und ab. Und alles, was sich darin befindet, wird hinausgeschleudert. Und dann gibt es einen gewaltigen Orkan, der all die Ängste und Sorgen, den ganzen Kummer, den ganzen Ballast der Menschen, den der König gefressen hat, mit einem gewaltigen Getöse hinwegfegt, weit hinaus aufs Meer. Wie grosse dunkle Gewitterwolken, die ein Sturmwind vor sich hertreibt.

-          Worüber lacht er denn immer so viel, dieser König?

-          Er lacht über die Menschen. Wie dumm sie sind. Und wie kleinlich. Worüber sie sich nicht alles aufregen. Und wie unvernünftig sie sind. Was sie alles an überflüssigem Gepäck mitschleppen, wo es doch eine Insel ist und nun wirklich nicht viel gebraucht wird.

-          Eine Badehose.

-          Genau, Luca. Eine Badehose zum Beispiel.

-          Und eine Luftmatratze.

-          Ja, Anna, auch eine Luftmatratze wäre ein vernünftiges Mitbringsel.  

      Aber die Menschen, die dort ankommen in Tulagiri, bringen meist  

      lauter überflüssigen Krimskrams mit.

-          Warum denn das? Wissen sie nicht, dass Tulagiri eine Insel ist?

-          Doch. Aber wer einmal auf Tulagiri angekommen ist, der bleibt meistens für immer. Der will auch gar nicht wieder weg. Das wissen die Menschen. Und deshalb haben sie Angst, ihren Besitz zu verlieren, wenn sie ihn zu Hause lassen. All den Reichtum und die wertvollen Besitztümer, die sie in ihrem Leben so mühsam angehäuft haben. Und so schleppen sie alles mit, was sie nur eben tragen können. Und kommen beladen wie die Ochsen. Mit vollgestopften Taschen und Koffern, mit schweren Tragegestellen auf Rücken und Schultern,  mit überquellenden Karren und Wagen, gebeugt von diesem ganzen Gewicht erreichen sie Tulagiri. Und können den leuchtenden Himmel und die lachende Sonne nicht sehen, weil ihr Gesicht heruntergedrückt ist in den Sand vor lauter Gewicht. Und hören weder die summenden Bienen noch die zwitschernden Vögel, weil ihr Kopf ganz blockiert ist von den Gedanken, wo sie dieses wohl hinstellen und jenes unterbringen.

-          Das ist ganz schön dumm.

-          Genau, Anna. Und deshalb lacht der König auch so schallend. Jedesmal, wenn er eine neue Schar Menschen ankommen sieht, wenn er von weit oben beobachtet, wie sie sich abplagen und mühen mit ihrem ganzen Gepäck, wie sie schimpfen und fluchen, wenn sie im weichen Sand versinken, wie sie schwitzen und schnauben, weil sie viel zu dick angezogen sind und behängt wie Christbäume mit Schmuck und Tand, wie sie erschöpft zu Boden fallen, weil sie keine Luft mehr kriegen, wie sie keuchen und röcheln, weil ihnen die Hitze den Atem nimmt, wenn er all das sieht, immer und immer wieder, dann muss er einfach schallend lachen. 

-          Das muss die Menschen aber sehr ärgern.

-          Im ersten Moment schon. Sie sollen sich auch ruhig ärgern über ihre eigene Dummheit. Aber wenn der König sie erst begrüsst hat, dieser majestätische, grosse Mann, wenn er ihnen das ganze überflüssige Gepäck abgenommen hat und ihnen erklärt, dass er jetzt seinen grossen Mund weit öffnen wird, um alle ihre Sorgen, all ihre Ängste und all ihren Kummer einfach aufzufressen, dann verfliegt der Ärger sehr schnell und die Menschen schauen den grossen König Tulagiri erstaunt an. Weil er so riesengross und so majestätisch und so schön ist. Und weil sie so baff sind ob seiner Erscheinung, stehen sie meistens mit offenem Mund da und starren den König sprachlos an. Und genau auf diesen Moment hat der König Tulagiri gewartet. Er atmet einmal tief aus, stülpt die Lippen, und wie ein riesiger Staubsauger saugt er mit seinem gewaltigen Mund all die Sorgen, Nöte und Ängste aus den Menschen heraus, die da mit offenen Mündern vor ihm stehen. Und das solltet ihr einmal erleben, was da alles so hervorstrudelt. Dieses ganze wirbelnde Zeugs. Dunkel und übelriechend.

-          Wird es denn dem König nicht schlecht davon?

-          Nein, Anna. Denn genau dafür ist sein riesengrosser Bauch gemacht. Und wenn er voll ist mit all den schlechten Gedanken, mit den vielen Sorgen und dem ganzen Kummer seiner neuen Gäste, dann setzt sich der König Tulagiri unter seinen Lieblingsbaum, einen gewaltigen tausendjährigen Baobab-Baum, lehnt sich an seinen gewaltigen Stamm und fängt an zu lachen. Stellt sich die dummen Menschen vor mit ihrem ganzen überflüssigen und sinnlosen Gepäck und lacht schallend und laut. Und wie eine Trommel vibriert dabei sein Bauch, hüpft auf und ab und auf und ab, bis schliesslich wie bei einem Vulkan, all das, was sich im Inneren befunden hat, hervorbricht. Mit Getöse und Gepolter. Wie ein einziger grosser Donnerschlag hört es sich an, wenn König Tulagiri seinen gewaltigen Bauch leert. Und im selben Moment kann man die grosse schwarze Wolke sehen, dieses dunkle Knäuel aus Ängsten, Sorgen und Nöten, die von dem Lachen des Königs wie ein Sturmwind über die Insel und weit hinaus auf den Ozean getrieben wird. Und all die anderen Gäste, alle diejenigen, die schon früher angekommen sind, all die vielen Menschen, denen es genauso ergangen ist wie diesen Neuankömmlingen, lachen mit, können sich diesem Lachen gar nicht entziehen. Ein unbeschreiblicher Orkan des Lachens, der über Tulagiri fegt.

-          Geht es den Menschen dann besser?

-          Am nächsten Tag fühlen sich die Gäste von König Tulagiri  wie neugeboren. Leicht und frisch und frei. Sie laufen im warmen Sand um die Insel und verstehen gar nicht, wie sie nur so dumm sein konnten, all dieses unnütze Zeugs mit sich zu schleppen. Die ganze Reise lang. Manche schütteln  pausenlos den Kopf, andere klopfen sich mit der Faust gegen die Stirn, aber das gibt sich nach einigen Tagen.

-          Und wo wohnt der König? Auf einem Schloss?

-          Nein, Anna. Auf Tulagiri gibt es kein Schloss. Der König wohnt ganz oben in der riesigen Baumkrone seines Baobab-Baumes. Von dort oben kann er die ganze Insel überblicken. Nur zur Begrüssung seiner neuen Gäste steigt er herunter von seinem Baobab oder wenn er wieder mal so richtig lachen muss. Denn von da oben sieht er  natürlich auch ganz genau, was seine Gäste so alles treiben. Und   

      wie ich bereits sagte, der König lacht gerne und viel.

-          Und die Menschen, wo wohnen die?

-          Jeder Mensch auf Tulagiri, Luca, wohnt genauso, wie er es haben möchte. Jeder, wie er es sich persönlich vorstellt und wie es ihm gefällt. Jeder einzelne. Und deshalb gibt es auf Tulagiri auch jede Menge verschiedenster Häuser. Alle sehen sie anders aus. Gross, klein, hoch, rund, spitz, verwinkelt oder weitläuig, in allen erdenklichen Farben und Formen spriessend. Mit Gärten, Springbrunnen, Terassen, Pools versehen, mit den verschiedensten Büschen und Bäumen, Sträuchern und Blumen bewachsen, mit Ziegeldächern, Spitzgiebeln oder als Bungalow, geschützt oder offen stehend, auf Säulen thronend, als Windmühle oder Glaspalast, alles ist möglich und alles ist auf Tulagiri vorhanden.

-          Ein ganz schönes Wirrwarr. Wer baut denn all die Häuser für die vielen Menschen?

-          Das ist die grosse Besonderheit auf Tulagiri. Die Menschen bauen selber. Das heisst, bauen im eigentlichen Sinne nicht. Denn es gibt dort keinen Mörtel, keine Ziegel, keine Baumaterialien oder irgendwelche Werkzeuge. Die Menschen denken sich ihre Häuser – und schwupps sind sie da.

-          Das gibt’s doch gar nicht. Man denkt sich ein Haus – und schwupps ist es da.

-          Doch, Luca, das gibt es. Aber eben nur auf Tulagiri. Jeder Gedanke, den man auf Tulagiri denkt, wird sofort Wirklichkeit. Was bei uns normalerweise sehr, sehr lange dauert, nämlich die Umsetzung eines Gedankens oder Wunsches in die Realität, funktioniert dort in  Sekundenschnelle. So ähnlich wie – denk mal dran, als kürzlich Oma Helga angerufen hat. Und du mir kurz vorher erzählt hast, du wolltest Oma Helga anrufen und ihr deine Zeugnisnoten sagen.

-          Genau. Plötzlich hat sie selber angerufen.

-          Siehst du, so ein Beispiel kennen wir alle. Wir bezeichnen so was dann als Zufall. Aber das ist kein Zufall. In Wahrheit gibt es überhaupt keinen Zufall. Nichts fällt einem einfach irgendwie zu. Das war dein Gedanke, der sich verselbständigt, der sich einfach umgesetzt, verwirklicht hat. Jeder Gedanke, jeder einzelne unserer Abertausend Gedanken, die wir täglich produzieren, strebt danach, sich zu verwirklichen. Eine Form zu erhalten. Sich zu materialisieren, wie wir Erwachsenen sagen. Und je grösser die Energie, die in diesem Gedanken steckt, der Wille, der Wunsch dahinter, desto schneller geht es, desto mehr Kraft hat dieser Gedanken. Und desto eher wird er Wirklichkeit. Das Sich-wünschen-Können ist eine machtvolle Gabe.

-          Puh, das hört sich gefährlich an. Wenn ich mir so vorstelle, an was ich alles denke den ganzen Tag lang. Da muss man ja unglaublich vorsichtig sein. Andererseits: Wenn ich dort „Dumme Ziege“ zu Anna sagen würde, müsste sie sich sofort in eine dumme Ziege verwandeln, das wäre doch klasse.

-          Idiot! Ich würde sofort „Dummer Hund!“ antworten, und dann könntest du rumbellen den ganzen Tag.

-          Eine dumme Ziege kann überhaupt nichts antworten, die kann nur dumm rummeckern. Mäh! Mäh! Mäh!

-          Dann bin ich eben schneller als du. Und ich sage dann nicht Hund, sondern Esel. Ein blöder Esel. Iah! Iah! Und erst wenn du mich  ganz lieb bittest, werde ich dich vielleicht wieder zurückverwandeln.

-          Dann setze ich dich als Goldfisch ins Glas, da kannst du gar nichts mehr sagen. Ganz schön stumm schwimmt die Anna als Goldfisch rum! Haha!

-          Genug jetzt, Kinder. Ihr seht schon, zu wozu so was führen kann. Eben deswegen versteht ihr jetzt vielleicht, warum der König Tulagiri gleich am ersten Tag alle schlechten Gedanken und Sorgen der Menschen aufgefressen hat. Damit nichts schlimmes geschehen kann. Und die Menschen keinen Unfug anstellen. So sind ihre Köpfe frei und leicht und produzieren nicht den fürchterlichen Gedankenmüll wie die Menschen hier bei uns. Der unsere Umwelt genauso verpestet wie die Russschlote der Fabriken.

-          Und wenn nun doch einer etwas schlechtes denkt. Und seinen Nachbarn in ein Kamel verwandeln will.

-          Oder in einen glubschäugigen Frosch.

-          Dann tritt auf Tulagiri ein besonderer Schutzmechanismus in Kraft. Das sogenannte Resonanzprinzip. Das kennt ihr natürlich auch schon: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Jeder schlechte Gedanke kommt sofort auf einen selbst zurück. Aber eben  nicht zeitverzögert wie bei uns, sondern unmittelbar. Sofort. In der gleichen Sekunde, in der ich ihn gedacht habe.

-          Und dann? Was passiert dann?

-          Dann, liebe Anna, verwandle ich mich selbst in ein Kamel. Oder einen glubschäugigen Frosch.

-          Und muss den ganzen Tag als Kamel oder Frosch rumlaufen? Wer befreit mich denn dann wieder?

-          Du selbst natürlich. Auf Tulagiri ist jeder zu 100% für sich selbst erantwortlich. Das heisst, du bleibst exakt solange Kamel oder Frosch, wie lange und intensiv du daran gedacht hast. Wenn du zehn Sekunden daran gedacht hast, dass dein Nachbar doch ein blödes Kamel ist und diesen Gedanken mit der Intensität, das heisst Stärke, Kraft, Energie Sechs, dann multiplizieren sich die zehn Sekunden mit Sechs.

-          Dann musst du eine Minute als blödes Kamel rumhopsen, hahaha!

-          Luca! Ausserdem sind Kamele alles andere als blöde. Aber dazu noch später. Aber Luca hat richtig gerechnet. Trotz seiner ausgeprägten Vorliebe für die höhere Mathematik. In diesem Falle würdest du exakt eine Minute als Kamel über die Insel hopsen.

-          Das möchte ich sehen. Können wie nicht auch nach Tulagiri fahren?

-          Wir sind schon dabei, Luca. Aber auch dazu später.

-          Das hört sich lustig an. Ich glaube, da gibt es viel zu lachen auf Tulagiri.

-          Jeden Tag, Anna, jeden Tag. Stell dir vor, wie sich deine Freundin Tabea plötzlich in ein kleines Ferkel verwandelt und quiekend wegrennt, nur weil sie eben was böses gedacht hat. Und sich nach einer oder zwei Minuten wieder zurückverwandelt. Das passiert dort am laufenden Band. Überall triffst du deshalb auf Tulagiri auf die unglaublichsten Gestalten. Die irrwitzigsten Tiere, die absonderlichsten Fabelwesen, Krumme, Bucklige, Wesen mit drei Augen, zwei Köpfen oder fünf Beinen. Ein jeder, wie es ihm recht geschieht. Und was glaubst du, wie der König Tulagiri lacht, wenn er all diese unseligen phantastischen aberwitzigen Gestalten von seinem Kronenreich aus betrachtet.

-          Gilt das nur für Gedanken oder auch für Wünsche? Wenn das mit Wünschen auch so funktioniert… 

-          Gut gedacht, Luca. Es funktioniert mit den Wünschen genauso. Ein Wunsch ist ja schliesslich zunächst auch nichts anderes als ein Gedanke. Das ist genauso wie bei uns, nur eben auch wieder sehr viel schneller. Denk mal daran, als der Opa Ric so krank war, und wir ihm alle ganz ganz fest gewünscht haben, dass er wieder gesund wird. Das hilft. Deswegen gehen die Menschen auch zum Beten in die Kirche. Aber nicht der Wunsch alleine ist ausschlaggebend, sondern wiederum die Intensität, die dahinter steht. Die Energie, die Kraft, der Wille. Wenn die Kraft nicht gereicht hätte, die wir dem Wunsch für Opa Ric auf den Weg gegeben haben, dann hätte der Wunsch den Opa Ric niemals erreicht. Dann wäre er vorher vor Kraftlosigkeit abgestürzt. Genau wie ein Auto, dem im letzten Moment das Benzin ausgeht.

-          Wenn man sich also etwas wünscht, dann muss man es sich ganz ganz fest wünschen?

-          Genau, Anna. Deshalb muss man auch vorsichtig damit umgehen. Und sich wirklich nur das wünschen, was man wirklich ganz ganz fest möchte. Und dafür auch alle Energie, die man nur eben aufbringen kann, in diesen Wunsch legen. Ihn vollzutanken sozusagen. Mit Kraft. Und ihn dann loslassen. Das ist ganz wichtig. Ein Wunsch, den man nicht loslässt, kann nicht fliegen. Und kann sein Ziel damit nie erreichen. Viele Menschen halten ihre Wünsche krampfhaft fest. Diese Wünsche können sich nie verwirklichen.

-          Loslassen wie einen Luftballon?

-          Das ist ein gutes Beispiel, Luca, Dankeschön. Genau wie einen Luftballon. Der Luftballon ist mein Wunsch. Zuerst muss ich Luft hineinblasen, so fest ich kann, bis der Luftballon so richtig prall ist. 

Die Luft, das ist meine Energie , meine Kraft, mein Wille. Und dann muss ich den Luftballon loslassen, in den Himmel steigen lassen. Was passiert denn mit einem Luftballon, den ich  mitnehme und zuhause im Zimmer herumliegen lasse?

-          Er verschrumpelt.

-          Genau. Allmählich wird alle Luft entweichen, bis er verschrumpelt am Boden liegt. Dann kann er nie mehr fliegen. Dann ist der Wunsch tot.

-          Und in Tulagiri funktioniert das sofort? Das heisst, ich wünsche mir ein Erdbeereis, und sofort habe ich eins in der Hand?

-          Genau. Wie beim Häuserbauen auch. Die Gedanken verwirklichen sich sofort. Ohne Übersetzung, ohne Zeitverzögerung.

-          Ich kann jeden Tag Wiener Schnitzel essen, soviel ich will?

-          Wenn dir das so Spass machen würde, sicherlich. Aber das Essen ist ja nur ein winziger Aspekt der ganzen Sache.

-          Ich finde das Klasse. Man kann alles haben, was man will.

-          Hört sich an wie im Märchen. Gibt’s denn auf Tulagiri auch irgendetwas nicht?

-          Eine ganze Menge. Zäune zum Beispiel gibt es dort nicht. Keine Zäune, keine Absperrgitter, keinen Stacheldraht, keine Schlösser. Keine Gefängnisse, keine Umweltverschmutzung, kein Lärm, keine Gewalt...

-          Und Fernsehen? Was ist mit Fernsehen? Und Computer.

-          Auch kein Fernsehen, Luca. Und erst recht keine Computer. Nichts elektronisches, nichts künstliches.

-          Da siehst du’s. Geschieht dir recht.

-          Anna! Es gibt ganz einfach deshalb kein Fernsehen, weil sich die Menschen mit sich selbst beschäftigen. Deshalb braucht man auch keine Computer.  

-          Klingt ziemlich langweilig.

-          Es gibt  auf Tulagiri auch keine Langeweile. Die hat König Tulagiri schon vor langer Zeit gesetzlich abgeschafft. Vermittels königlichem Dekret. Wer sich trotzdem langweilt, der wird zum Arbeitsdienst im Palmenhain abkommandiert, wo die Räusen zum Fischefangen geflochten werden oder gleich zum Fischeausnehmen.

-          Hahaha! Dass ich nicht lache.

-          Das muss ja sein wie im Paradies.

-          Genau, Anna. Das ist das Paradies. Tulagiri ist eine wahrhaft paradiesische Insel.

-          So ein Blödsinn. Wenn das alles so wäre, dann wäre dieses Tulagiri ja total überlaufen und jeder wollte da hin. Ich wette, das gibt’s gar nicht. Genau wie diesen König mit seinem fetten Bauch…

-          Langsam, langsam, Luca, mein grosser Freund. Nicht so voreilig. Und nicht so vorlaut. Selbstverständlich existiert Tulagiri. Und sein König ebenfalls. Genauso, wie ich ihn beschrieben habe. Und du hat vollkommen recht damit, dass jeder gerne dort hinmöchte. Die Schwierigkeit dabei ist nur, dass es nicht ganz so einfach und ganz so bequem zu erreichen ist. Im Gegenteil, man muss sich ganz schön anstrengen, um nach Tulagiri zu gelangen. Und niemand hilft einem dabei, jeder ist ganz alleine auf sich selbst angewiesen.

-          Wenn es eine Insel ist, kann man doch mit dem Motorboot hinfahren.

-          Nein, eben nicht. Es gibt keinen direkten Weg nach Tulagiri. Wer dorthin gelangen will, der muss insgesamt zwölf Inseln überqueren, die allesamt miteinander verbunden sind. Der Reihe nach. Habe ich die erste durchquert, tut sich mir der Weg zur zweiten auf und so weiter. Bis hin zur dreizehnten, der letzten Insel. Tulagiri eben. 

-          Hört sich ziemlich umständlich an.

-          Ich möchte trotzdem gerne einmal auf diese Insel.

-          Wir werden zusammen diese Reise unternehmen, das verspreche ich euch. Aber das will gut vorbereitet sein. Je besser eine Unternehmung vorbereitet ist, desto grösser die Aussichten auf Erfolg. Ihr erinnert euch an dieses Buch über Odysseus, das wir zusammen gelesen haben. So in etwa müsst ihr euch das vorstellen.

-          Das hört sich nun wirklich nach Abenteuer an. Was erwartet uns denn auf diesen Inseln? Drachen? Zyklopen? Menschenfressende Ungeheuer?

-          Nein, nichts von alledem. Der grösste Feind des Menschen ist kein wildes Tier, kein Drachen oder Zyklop, sondern der Mensch selber. Und genau der lauert auf uns. Auf jeder einzelnen Insel. Und zwar kein fremder Mensch, der uns Übles will, sondern wir selber. Genauer gesagt, unser Schatten. Unser Spiegelbild, das uns unsere Unzulänglichkeiten, unsere Schwächen, unsere Fehler, unsere Verirrungen zurückwirft. Unerbittlich. Von Insel zu Insel. Solange, bis nur noch wir selbst übrigbeiben. Unser reiner, unverfälschter Kern. So, wie wir ursprünglich einmal waren. Wenn ihr ins Paradies wollt, dann müsst ihr wie die Kinder werden, das hat Jesus einmal gesagt, und er hat völlig Recht.

-          Und wie lange dauert so eine Reise? Länger als zwei Wochen? Sonst bleiben nur die Sommerferien. 

-          Man muss die Reise nicht an einem Stück machen, keine Angst. Für diese Reise hat man alle Zeit der Welt. Sein ganzes Leben. Es ist eine Reise wie sie auch unser griechischer Held unternommen hat: Zurück nach Hause. In Etappen. Insel um Insel. Und wem ein Leben nicht reicht, der hat ja vielleicht noch ein weiteres Zeit.

-          Klingt ziemlich schwierig.

-          Ich bin dabei. Ich habe keine Angst.

-          Bravo, meine kleine Anna. Bravo. Keine Angst zu haben ist schon einmal eine optimale Voraussetzung für unser Abenteuer. Angst lähmt, Angst isst die Seele auf, heisst es. Wer ängstlich ist, wird scheitern, das wussten schon die Gladiatoren im alten Rom. Und von Hunden werden auch nur ängstliche Menschen gebissen. Wer Angst hat, strahlt Angst aus. Das riecht der Feind und das riecht der Hund. Wer Angst hat kann gleich zu Hause bleiben.

-          Ich habe auch keine Angst. Und wenn ihr unbedingt dahin wollt, dann gehe ich eben mit. Wir werden das schon schaffen.

-          Bravo Luca, das hört sich schon anders an. Wer nämlich Zweifel an seinem eigenen Erfolg hat, der soll ebenfalls besser zuhause bleiben. Es geht nicht darum, irgendetwas zu versuchen. Wir versuchen nicht, wir tun. Wer versucht, bei dem wird es genau bei dem Versuch bleiben. Es ist ein grosser Unterschied, zu versuchen, Fahrrad zu fahren oder eben tatsächlich Fahrrad zu fahren. Wer versucht, der versucht, wer fährt, der fährt. Jeder Zweifel trägt die Saat des Misserfolgs bereits in sich. Das hat nichts mit Hochmut zu tun, versteht mich nicht falsch. Wenn man nicht felsenfest  –und zwar ehrlich- davon überzeugt ist, sein Ziel zu erreichen, und zwar das richtige, das, was man unbedingt erreichen möchte, dann lässt man    es besser. Wahrscheinlich war es dann auch nicht das richtige Ziel. Dann zieht man in eine Schlacht, die man von vornherein verloren hat. Oder in die Schlacht eines anderen. Oder in die Schlacht um einen sogenannten höheren Zweck, das sind die allerschlimmsten.  Und dabei stirbt man nicht als Held, sondern als Idiot, merkt euch das, auch wenn euch andere das ganz anders erzählen. Lasst euch nie vor den Karren eines anderen spannen. Nur dumme Maultiere tun das, die wiederkäuen, was ihr Herr ihnen vorkaut. Dazu möchte ich euch auch gleich eine kleine Geschichte erzählen: Ein Esel kauerte, erschöpft von seiner Last, im Stall, als er unten am Boden eine winzige Ameise bemerkte, die einen riesigen Halm trug, bestimmt zehnmal so schwer wie sie selbst. Der Esel sah eine Weile fasziniert zu, dann beugte er sich zu der Ameise herunter und sagte: „Ich habe dir eine Weile zugesehen, kleine Ameise, und ich muss sagen, ich bewundere dich. Sag mir, wie du es anfängst, ohne zu klagen und ohne müde zu werden, eine Last zu schleppen, die wohl zehnmal so schwer ist wie du selbst? Ich bin schon von diesen zwei Säcken da, die mir mein Herr aufgebunden hat, total erschöpft.“ Die Ameise richtete sich ein wenig auf und sprach: „Ganz einfach, Esel, das kommt daher, dass ich für mich selbst arbeite, du aber für deinen Herrn.“ Und zog weiter. Ja, ihr zwei Lieben, der liebe Gott, auf den wir noch kommen werden, hat jedem von uns eine gute Portion gesunden Menschenverstand mitgegeben, machen wir doch einfach Gebrauch davon.

-          Was bedeutet denn dieser seltsame Name, Tulagiri?

-          Das will ich euch sagen, meine beiden Abenteurer. Tu bedeutet Du. La bedeutet Da. Und Giri bedeutet Paradies. Tu-La-Giri. Du bist da,  wo das Paradies ist. Das Paradies befindet sich vor deiner Nase, das will uns der Name sagen. Aber genug der Theorie. Jetzt geht’s los, jetzt nehmen wir das Abenteuer in Angriff. Auf geht’s nach Tulagiri. Schliesst die Augen, das Abenteuer beginnt. Und als erstes müssen wir den Zugang finden, den Zugang zur ersten Insel. Ihr werdet sehen, das ist nicht schwierig, ihr dürft nur die Augen nicht öffnen. Wenn einer die Augen öffnet, dann kehrt er automatisch wieder hierher zurück und wir können von Vorne anfangen. Also haltet eure Augen geschlossen. Jetzt stellt euch einen Fahrstuhl vor, direkt vor euch, in den ihr einsteigt. Die Türen öffnen sich, und ihr steigt in diesen Fahrstuhl. Vor euch an der Wand des Fahrstuhls seht ihr eine Reihe Knöpfe. Von der Zahl null bis zur Zahl Minus Zehn. Diesen letzten, diesen untersten Knopf drückt ihr, die Minus Zehn. Habt ihr gedrückt?

-          Ja

-          Dann fahren wir zehn Stockwerke weit hinunter?

-          Ganz genau. Ganz tief hinunter in die Erde. Die Türen des Aufzugs schliessen sich, ihr spürt einen kleinen Ruck, der Aufzug setzt sich nach Unten in Bewegung, ihr spürt, wie ihr weiter und weiter in die Tiefe gleitet. Weiter und weiter führt euch der Fahrstuhl hinunter, Stockwerk um Stockwerk. Und ihr zählt mit: Minus eins, minus zwei, minus drei, minus vier, minus fünf, minus sechs, minus sieben, minus acht, minus neun, minus zehn. Und wieder gibt es einen kleinen Ruck, der Aufzug bleibt stehen und langsam öffnen sich seine Türen. Es ist heller Tag und vor euch erstreckt sich ein Pfad, der zu einer Klippe führt. Das ist das Ende der Welt. Ihr geht langsam den Pfad entlang, spürt den leichten Wind in der Luft und den Sand unter euren Füssen. Hört das Rauschen des Meeres, riecht seine salzige Luft. Ihr geht bis an den Rand der Klippe. Und da seht ihr auch die Brücke. Direkt vor euch. Es ist eine hölzerne Brücke, die zur ersten Insel führt. Die Insel selbst könnt ihr nicht sehen, sie liegt in einem Dunstschleier verborgen. Zu jeder weiteren Insel führt ebenfalls eine Brücke. Je weiter man vorgedrungen ist, desto höher fühlt man sich auf diesen Brücken, desto näher ist man dem Himmel gekommen. Seht ihr das Häuschen mit der Schranke dort hinten auf der Brücke? Da wohnt der Wächter. Der Hüter der Insel. Man kann die Insel nämlich nicht einfach so ohne weiteres betreten.

-Muss man den bestechen? Das kenne ich aus diesen Gangster-Filmen.

-Nein, Luca. Bestechen kann man den nicht. Diese Wächter sind unbestechlich. Sie könnten mit Geld auch gar nichts anfangen, denn auf den Inseln existiert keine Währung, mit der man irgendetwas bezahlen könnte.

-Wie kommen wir dann rein?

-Ja, du hast doch gesagt, er lässt niemand so einfach hinein.

-Ganz recht, Anna, ganz recht. Will man die Insel betreten, benötigt man eine Losung, ein Codewort sozusagen. Und man muss reinen Herzens sein, wie es heisst. Das bedeutet, dass man nicht mit niederen Absichten kommen darf, aus purer Neugierde in etwa.

-Woher will denn der Wächter das wissen?

-Diese Wächter können bis auf den Grund der Seele sehen. Und wer versucht etwas zu verbergen, sich zu verstellen oder mit bösen Absichten kommt, der wird zurückgewiesen. 

-Gibt es Krokodile in diesem Wasser? Wenn es Krokodile gibt, dann werden die Bösen sicherlich ins Wasser geschubst.

-Oder Haie. Dann werden sie von den Haien gefressen.

-Nein, nein, nichts dergleichen. Niemandem, der anklopft, wird ein Leid geschehen. Aber denen, die abgewiesen werden, öffnet sich die Schranke  nicht.

-Dann können sie doch einfach drüberklettern.

-Nein, können sie nicht. Denn jeder, der abgewiesen wird, vergisst sofort, wo er war, schläft ein  und wacht irgendwann zuhause wieder auf, ohne sich daran erinnern zu können, dass er diese Insel besucht hat.

-Was sollen wir ihm denn sagen, diesem Wächter?

-Jetzt gehen wir erstmal los. So, passt gut auf, die Brücke schwankt, wenn man die Planken betritt. Immer Schritt für Schritt, Planke für Planke nach vorne gehen. Und immer nach vorne schauen, nie nach unten und nie nach hinten. Haltet euch an den Seilen links und recht gut fest. Ja, so ist’s gut. Niemals zwei Planken auf einmal. Langsam und vorsichtig. Wunderbar. Wenn wir dann gleich vor der Schranke stehen, kommt der Wächter von selbst heraus, ihr werdet sehen. Dann dürft ihr nicht erschrecken. Manche sehen einfach grässlich aus, aber das hat nichts zu bedeuten. Das heisst nicht, dass sie böse sind oder so etwas. Ihr Aussehen steht in Verbindung mit dem Thema der Insel, mit der Aufgabe, um die es hier geht. Ihr stellt euch vor ihn hin und schaut ihm in die Augen. Das ist ganz wichtig. Nicht wegsehen. Ihr könnt ganz furchtlos sein, es wird euch nichts geschehen. Und wenn er euch dann anschaut oder vielleicht auch anstarrt, dann erwidert ihr einfach seinen Blick. Freundlich und abwartend. Nach kurzer Zeit  wird der Wächter dann nicken, vielleicht auch brummen, irgendetwas in der Richtung, das ist das Zeichen, dass ihr mit guten Absichten kommt. Und jetzt ist der  Zeitpunkt gekommen, die Losung aufzusagen. Besser gesagt zu denken, denn gesprochen wird mit den Wächtern nicht. Zu keinem Zeitpunkt.

-Dann kann er Gedanken lesen, stimmt’s.

-Genau. Deshalb weiss der Wächter auch ganz genau, wen er reinlassen kann und wen nicht.

-Ich würde die Bösen trotzdem an die Krokodile verfüttern. Das haben sie im alten Ägypten doch auch so gemacht.

-Hier wird aber niemand an die Krokodile verfüttert, Luca. Jedem steht jederzeit die Möglichkeit und Chance offen, Einlass zu begehren. Und wenn man abgewiesen wird, heisst das noch lange nicht, dass man böse ist.

-Was sollen wir ihm denn nun sagen?

-Denken!

-Besserwisserische Liese!

-Also passt auf, ihr zwei. Nachdem er euch geprüft hat…

-Vielleicht lässt er dich ja gar nicht hinein. Sondern nur mich und Papa!

-Idiot!

-Dann wachst du zuhause auf, kannst dich an nichts erinnern, und wir sind weg.

-Luca! Ich bin sicher, er lässt auch Anna durch. Und falls tatsächlich einmal einer von uns dreien nach Hause geschickt wird, dann kehren auch die anderen zwei um. Versprochen?

-Versprochen.

-Versprochen.

-Wie kehrt man denn um? Kann man das so einfach? Muss man dann den ganzen Weg wieder zurückgehen? Es kann ja auch sein, dass er euch beide zurückschickt, und dann muss ich ganz alleine zurückgehen.

-Keine Angst, Anna. Wenn du zurück willst, dann musst du nur an Zuhause denken und dass du da jetzt hinwillst. Dann wird das genau so geschehen.

Also, denkt daran, was ich euch gesagt habe, wir sind gleich da. Seht ihr, die Schranke ist geschlossen. Jetzt warten wir, bis der Wächter herauskommt.

-Was ist denn das für ein Lärm? Hört sich an, wie ein Riesen-Getrampel.

-Das werdet ihr gleich erkennen. Riesen-Getrampel kommt dem schon sehr Nahe, Luca. Das ist die erste Insel, die sogenannte „Jetzt“ oder „Hier“ Insel. Und die Losung dafür heisst deshalb auch „Hier und Jetzt“. Merkt euch das, diese Losung müsst ihr dem Wächter aufsagen, wenn er danach fragt. Zusammen mit eurem Namen.

-Ich glaube, jetzt kommt der Wächter. Die Tür von seinem Häuschen hat sich geöffnet.

-Pfui Teufel, der hat ja drei Köpfe. Sieht aus wie ein Monster.

-Und zwei davon hängen. Wie Geranien.

-Ganz vertrocknet sind die. Vorsicht, er schlurft näher.

-Pst. Seid jetzt still, Kinder. Schaut ihm einfach in die Augen.

-Von welchem Kopf denn? Dem vorderen…

-Luca! Dem mittleren natürlich. Dem, der noch lebt und noch nicht abgestorben ist.

-Ruhe jetzt, Kinder. Bleibt ruhig stehen. Seid still und wartet einfach ab.

 

 

Insel 1

 

-Puh, ich fühle mich, als hätte ich ein kleines Nickerchen gemacht.

-Wir sind durch, Luca, dreh dich um.

-Mensch, wir sind tatsächlich auf der anderen Seite. Und die Schranke ist wieder zu.

-Haben wir geschlafen? Hat es uns etwa betäubt, das Monster?

-Es ist kein Monster, und betäubt hat es uns auch nicht. Nicht absichtlich jedenfalls oder so, wie ihr euch es vielleicht vorstellt. Aber zu unserem eigenen Schutz können wir uns an die direkte Begegnung mit dem Wächter nicht erinnern. Nicht konkret jedenfalls. Aber wir haben die erste Prüfung bestanden, sonst wären wir jetzt nicht hier auf der anderen Seite.

-Warum hat er denn drei Köpfe?

-Und zwei vertrocknete? Ich finde trotzdem, dass er wie ein Ungeheuer ausgesehen hat.

-Von mir aus Anna, dann hat er eben wie ein Ungeheuer ausgesehen.

-Hat er nicht Angst, dass sein dritter Kopf auch vertrocknet? Vielleicht sollte man ihn besser giessen.

-Oder er trinkt zuwenig und ist deshalb vertrocknet. Vielleicht gibt’s auf dieser Insel zu wenig Wasser. Das ist ja ein irrer Lärm hier. Hört sich  an wie eine ganze Herde Trampeltiere.

-Setzt euch einen Moment, Kinder, dann will ich euch erklären, was es mit dieser Insel auf sich hat. Ich habe euch ja bereits gesagt, dass es die „Hier“ und „Jetzt“ Insel ist. „Hier“ bedeutet eben nur „Hier“ und nicht etwa „Dort“ und „Jetzt“ bedeutet eben „Jetzt“ und nicht „Gestern“ oder „Morgen“. Und die drei Köpfe des Wächters bringen genau das zum Ausdruck. Der linke, hintere verdeutlicht das „Gestern“, all das, was gewesen ist. Das ist vorbei und geschehen. Das lebt nicht mehr, das ist tot. Deshalb ist dieser Kopf auch vertrocknet. Keine Lebensenergie kann ihn erreichen, keine Lebensenergie kann von ihm ausgehen. Er ist tot. Dasselbe gilt auch für den rechten Kopf, die „Zukunft“. Die Zukunft ist das, was erst noch kommt oder kommen soll. Sie existiert ebenfalls nicht. Deshalb ist auch dieser Kopf vertrocknet. Das einzige, was existiert, was immer da ist, was lebt, ist der gegenwärtige Moment, das „Hier“ und „Jetzt“, as ist der mittlere Kopf. Deswegen ist das auch der einzige, der lebt. Und der immer leben wird. Und in diesem mittleren Kopf hat sich die ganze Lebensenergie gespeichert. Deshalb kann er ihn bewegen und strecken und drehen und mit seinen Augen sehen.

-Aber es gibt doch eine Gegenwart. Und eine Zukunft. Ich weiss, doch, was gestern war.

-Richtig und auch nicht, Luca. Was gestern war, ist geschehene Gegenwart. Denn geschehen können Dinge nur in der Gegenwart, weil wir nun mal nur in dieser leben oder diese mit unserem Leben ausmachen, ganz wie man es betrachten mag. Das, wovon du als  Vergangenheit sprichst, ist konservierte Gegenwart, Erinnerung, Eindrücke, die wir in unserem Gehirn gespeichert haben und als Vergangenheit bezeichnen. Das ist durchaus wichtig für uns, denn nur so ist Lernen möglich. Vergangenheit geschieht aber niemals real, denn es ist eine Konserve. Wie ein Film auf einer DVD.

-Und die Zukunft. Ich kann mir doch eine Zukunft vorstellen.

-Morgen ist doch Zukunft.

-Ihr habt beide recht, Kinder. Morgen, das ist Zukunft. Alles, was nicht jetzt, in diesem Augenblick geschieht, ist eben entweder bereits geschehen, also Vergangenheit oder wird vielleicht noch geschehen, also Zukunft. Aber jede Zukunft ist nur eine Möglichkeit, das Morgen existiert jetzt, in diesem Moment, da wir uns unterhalten, nicht. Wir können uns nicht hinbeamen in dieses Morgen. Es mag kommen oder auch nicht, wir können uns auch nicht sicher sein, wie es aussehen mag, jedenfalls existiert dieses Morgen, von dem Du sprichst, Anna, erst in demjenigen Moment, in dem es Gegenwart geworden ist, nämlich von heute gerechnet in zum Beispiel dreizehn Stunden.

-Also gibt es eigentlich immer nur Gegenwart?

-Bravo, Luca, jetzt hast du den Kern erfasst. Ganz richtig, es gibt immer nur Gegenwart. Alles ist Gegenwart. Wir können gar nicht heraus aus dieser Gegenwart, es gibt keine Möglichkeit. Es ist wie in einem Fluss. Stellt euch vor, ihr beide steht in einem Fluss. Das Wasser strömt von Oben, also Flussaufwärts,  nach unten, also Flussabwärts. Da, wo das Wasser herkommt, das frische Wasser, das ist die Zukunft, da wo das Wasser hinfliesst, nachdem es euch berührt hat, das ist die Vergangenheit. Und die Mitte, ihr, der Punkt, da euch das Wasser berührt, dieser eine kurze Moment, das ist die Gegenwart. Es ist ein einziges Fliessen. Aus Zukunft wird Gegenwart, aus Gegenwart wird Vergangenheit. Und mittendrin stehen wir. Und leben. Und immer neue Wassertropfen berühren uns. Gegenwart-Gegenwart-Gegenwart.

-Und wenn der Fluss aufhört zu fliessen?

-Wenn der Fluss aufhört zu fliessen, sind wir tot.

-Aber wir können uns doch bewegen in diesem Fluss.

-Selbstverständlich. Das ist der freie Wille eines jeden Menschen. Ich habe jederzeit die Wahl, mich nach hierhin oder dorthin zu bewegen. Stromaufwärts wie auch stromabwärts, nach links, nach rechts, mehr der Mitte zu, mehr gegen das Ufer. Es gibt Millionen und Abermillionen von Wassertropfen, die mich berühren können, also habe ich Millionen und Abermillionen Möglichkeiten. Es liegt ganz an mir allein. Auch das hat nichts mit Vergangenheit oder Zukunft zu tun. Das ist ganz allein mein freier Wille. Deshalb hat auch der berühmte griechische Philosoph Heraklit davon gesprochen, dass es nicht möglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen.

-Mir ist das ziemlich egal mit Vergangenheit und Zukunft.

-Recht hast du, Anna. In deinem Alter spielt das auch noch keine Rolle. Kinder leben ohnehin immer in der Gegenwart, sie sind ein wahrer Meister darin. Da könnten alle Erwachsenen viel lernen.

-Warum ist das denn dann so wichtig? Das mit dem Fluss habe ich –glaube ich- schon einigermassen verstanden.

-Es ist deshalb so wichtig, weil viele Menschen eben nicht in der Gegenwart leben. Viele leben in der Erinnerung an die Vergangenheit, das sind vor allem alte Menschen. Denkt doch mal an die Omi. 

-Die hat immer von früher erzählt. Und wie schön da alles war.

-Ganz genau. Diese Menschen sitzen sozusagen den ganzen Tag in ihrem eigenen Kino im Dunkeln und schauen sich alte Filme an. Während draussen lichter Tag ist und das wahre Leben an ihnen vorbeigeht. Und dabei verklären sie die Vergangenheit meistens. Das heisst, sie erinnern sich oder wollen sich nur an die schönen Dinge erinnern. Alles andere blenden sie aus.

-Aber wenn die Omi eben das Leben, wie sie es heute hat, eben nicht schön findet. Ausserdem war sie damals jung und schön.

-Und jetzt ist sie alt und tatterig.

-Da ist viel wahres dran. Das ist genau der Kernpunkt. Die meisten Menschen wollen alt werden, aber niemand will alt sein. In Würde alt zu werden, ist eine grosse Kunst, das haben wir nicht gelernt. Und es gibt auch niemand, wo man das lernen könnte. Noch dazu wird uns ja überall das Jungsein als einzig ertsrebenswerte Form vorgehalten. Jung und fit und dynamisch und strahlend aussehend. Lächelnd und schier platzend  vor Lebensfreude und Vitalität. Dass man älter wird, ist ein ganz natürlicher Prozess, dem jeder Mensch unterliegt, das übersieht man dabei. Jedem geht es so, keiner kommt diesem Prozess aus, auch wenn es sich die Menschen auch noch so wünschen und Unsummen dafür ausgeben, diesen Prozess zumindest zu verlangsamen. Mit medizinischen Tricks, Schönheitsoperationen, Cremes, Pillen, das wisst ihr ja alles. Aber was, wenn das Äussere anders aussieht, als ich mich innen fühle? Was ist denn wichtiger? Das Aussehen oder das, wie ich mich wirklich fühle. In meinem Herzen?

-Aber die Omi sagt doch immer, dass sie sich schlecht fühlt. 

-Weil sie keinen Lebenswillen mehr hat. Und deswegen wird sie auch sicher bald sterben. Wenn den Menschen das Leben keinen Spass mehr macht, dann hören sie auf zu leben. Dann verwelken sie, genau wie die zwei Köpfe des Wächters. Und sind irgendwann tot. Kein Lebensgeist, keine Zirkulation, keine Energie. Der Fluss versiegt zum Rinnsal. Und dann steht man in seinem Rinnsal und träumt von der Zeit, als einen ein kräftiger Fluss umspült hat.

-Deshalb wirkt die Omi oft so traurig.

-Ja. Weil sie weiss, dass sie die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann.

-Was sollte sie denn tun?

-Wenn die Omi nicht so geizig wäre –darauf kommen wir auch noch- dann könnte sie Fahrten unternehmen. Reisen. Denn körperlich ist sie ja noch fit. Mit anderen Menschen zusammen, Gleichgesinnten. Menschen, die sich noch interessieren, die neugierig sind. Es gibt so viele Möglichkeiten jeden Tag. Musik machen, Spazieren gehen, andere besuchen. Geschenke machen, etwas gutes tun, anderen helfen. Aber die Omi schliesst sich zuhause ein und schaut sich jeden Tag die gleichen alten Filme an. Sie ist stehengeblieben, das ist der Punkt. Irgendwann einmal hat sich die Omi nicht mehr weiterentwickelt und ist stehengeblieben. Das geht vielen Menschen so, wenn sie aufhören zu arbeiten. Plötzlich stehen sie da und wissen nicht, was sie tun sollen. Was sie anfangen sollen mit der ganzen Zeit, die ihnen plötzlich zur Verfügung steht. Mit ihrem Partner, mit dem sie sich nun den ganzen Tag lang arrangieren müssen. Darauf muss man sich vorbereiten. Wer in der Vergangenheit lebt, der ist schon tot. Das will uns dieses Beispiel sagen. Das sollen die Menschen begreifen und lernen. Die Vergangenheit ist tot. Leben ist nur in der Gegenwart möglich. 

-Und wenn einem die Gegenwart nicht gefällt? Die Omi sagt, sie sei oft so einsam.

-Ja, die Einsamkeit. Das allein ist ein weites Feld. Zunächst muss gesagt werden, dass man jederzeit –und ich meine wirklich jederzeit- die Möglichkeit hat, auf seine Gegenwart Einfluss zu nehmen. Sprich, sie zu ändern. Jeder von uns. Jederzeit. Auch die Omi. Nur muss man bereit sein, die Konsequenzen seines Tuns, also die Auswirkungen dessen, was ich zu tun beschliesse, auch zu tragen. Dazu sind die wenigsten Menschen bereit. Die Omi ist geizig und missgünstig. Leider. Das heisst, sie gönnt sich selbst nichts –aus falschen Zeilen und Gesichtspunkten heraus, gönnt es aber auch anderen nicht. Deshalb fühlt sie sich einsam. Weil niemand mit so einem Menschen gerne zusammen sein will. Einsamkeit ist die negative Seite von Alleinsein. Ein erzwungenes Alleinsein sozusagen. Ein Nicht-Fertigwerden mit dem Alleinsein. Alleinsein kann nämlich sehr schön sein, es ist sogar überaus gesund, ab und zu, einfach für sich allein zu sein, das heisst, Zeit für und mit sich selbst zu haben, ohne Rücksicht auf irgendjemand anderen nehmen zu müssen. Das ist genauso, wenn ihr vollkommen für euch allein spielt und vollkommen gefangen seid von dem, was ihr da tut. In einem solchen Fall benötigt man niemand anderen, der andere wäre sogar hinderlich. Genauso wohltuend ist es, einmal einen Urlaub ganz allein für sich zu verbringen, in vollkommener Freiheit, das heisst Zwanglosigkeit. Aber manche Menschen empfinden bereits dieses kleine Quantum Freiheit als bedrückend, weil sie nicht damit umgehen können. Weile sie nichts aus sich heraus schöpfen können. Und fühlen sich daher unwohl. Sie brauchen die Reflexion durch einen anderen. Und wenn dann dieser andere eben nicht da ist, verspürt man sein Alleinsein, also eigentlich die absolute Freiheit, die in diesem Moment für diesen Menschen möglich ist, als Bedrückung, als Last, als Unwohlsein, als negativ, eben als Einsamkeit. Und bei der Omi kommt noch dazu, dass sie meint, die anderen seien Schuld, dass sie einsam sei. Ich habe schon oft mir ihr darüber geredet, aber sie ist einfach zu starrköpfig, wie viele alte Menschen. Wer nicht bereit ist, etwas zu ändern, der muss eben so weiterleben wie bisher. Das gilt für jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde, auch für die Omi. Und das ist beileibe nicht nur auf die älteren Menschen beschränkt.

-Warum versteht die Omi das denn nicht?

-Das ist eine ganz interessante Frage, Anna, über die viele kluge Leute schon ganz viel nachgedacht haben. Ich denke, dass es ganz einfach so ist, dass jeder auch das absolute Recht haben sollte, so zu leben, wie er persönlich will. Und dass es nicht die Aufgabe anderer Menschen ist, also auch meine Aufgabe nicht, zum Beispiel der Omi zu sagen, wie sie leben soll, was sie tun oder lassen soll, wie sie sich verhalten soll, was sie unternehmen soll und so weiter. Wahrscheinlich hat es seinen tieferen Grund, dass sie sich genauso verhält, wie sie es tut, und wahrscheinlich ist es dann auch richtig, das heisst sinnvoll für sie und es steht uns nicht an, uns weiter einzumischen. Ihr kennt das Sprichwort „Wer nicht hören will, muss fühlen“, da ist viel Wahres dran. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen selber machen und seien sie noch so schmerzhaft, das gehört wahrscheinlich zu unserem persönlichen Entwicklungsprozess, den uns der liebe Gott mit auf den Weg gegeben hat. Und wenn wir merken, dass ein Mensch nicht bereit ist, sich zu ändern, auch wenn wir es nicht verstehen können, das ist das doch sein gutes Recht und wir sollten aufhören zu insistieren. Das heisst aber auch –entsprechend zweitem Halbsatz des Sprichworts- dieser Mensch muss die Konsequenzen seines Handels selber tragen und darf die Schuld nicht woanders oder bei anderen suchen. Das gilt auch für die Omi, die hiefür ein gutes Beispiel ist.

-Und die Zukunft? Du hast über die Vergangenheit gesprochen. Aber was ist mit der Zukunft?

-Mit der Zukunft verhält es sich ganz ähnlich, lieber Luca. Genauso, wie es Menschen gibt, die alles in die Vergangenheit projizieren, gibt es Menschen, die überwiegend in der Zukunft leben. Das kennt ihr sicherlich, das sind diejenigen, die immer sagen „Morgen wird alles besser“, „Mit der nächsten Regierung wird alles anders“, „Mit einer anderen Frau werde ich glücklich sein“. Es gibt ein passendes englisches Sprichwort für solche Menschen: „Tomorrow never comes“. Und das stimmt haargenau. Die Zukunft ist allenfalls eine Möglichkeit, eine gewisse oder ungewisse Wahrscheinlichkeit. Auf jeden Fall ist es unmöglich, in ihr zu leben, das haben wir ja schon erklärt. Wenn ich etwas ändern will, dann kann ich das nur jetzt tun. Aber weil die Zukunft immer auch das Prinzip Hoffnung in sich birgt, benutzen viele Menschen die Zukunft aus Bequemlichkeit für ihr Nicht-Handeln oder als Rechtfertigung dafür als Hoffungsträger. Dann wird alles besser. Irgendwann. Morgen. Übermorgen. In zehn, fünfzig, hundert Jahren. Diese Menschen geben ihre Handlungsfähigkeit ab und machen sich zu Opfern. Zu passiven, opferbereiten Lämmern, die da warten und ausharren, bis ihnen  besseres geschehe. Von übergeordneter, womöglich himmlischer Stelle aus. Nur, weil sie sich vor den Konsequenzen eines zielgerichteten Handels, die ihnen wohlbekannt sind, drücken wollen. Es ist immer bequem, Dritte verantwortlich zu machen und Verantwortung abzugeben, anstatt sich einem Sachverhalt zu stellen, zu handeln und die Konsequenzen selber zu tragen. Die Zukunft wird’s schon richten, also erstmal abwarten. Bald wird alles besser. Nichts wird besser, weil das Problem morgen, übermorgen und in zehn Jahren noch genau dasselbe ist: Ich selber und eben nicht irgendein Dritter oder eine Institution. Deshalb bringt verschieben in die Zukunft gar nichts. Die Zukunft ist nichts anderes als die Folge dessen, was ich heute unternehme und einleite. Wenn ich also heute nichts unternehme, wird auch morgen nichts passieren, kann sich auch morgen nichts ändern, jedenfalls zum Guten nicht. Wenn ich auch an der Vergangenheit nichts mehr ändern kann ausser an meiner Einstellung dazu, die Zukunft habe ich nun wirklich selbst in der Hand. Eben durch mein heutiges, jetziges Tun. Morgen ist nichts anderes als die Konsequenz von heute, Die Zukunft ist also nichts anderes als die Folgerichtigkeit der Gegenwart. Und damit stehen uns alle Freiheiten und Möglichkeiten offen. In jeder Minute. Ist das nicht herrlich?

-Und wenn ich einen Fehler mache? Ich kann mich ja auch für etwas Falsches entscheiden.

-Auch das ist wieder eine philosophische Frage von existentieller Bedeutung. Was ist richtig, was ist falsch? Hinterher ist man immer schlauer, das kennt ihr ja. Sofern man nicht gegen irgendwelche Gesetze verstösst oder anderen absichtlich wehtut oder von  vornherein weiss oder spürt, dass es nicht richtig ist, aus einem eigenen Empfinden heraus, also aus dem gesunden Menschenverstand heraus, ist es immer besser, zu handeln, als nicht zu handeln. Erfahrungen muss man immer selber machen, da kann einem niemand helfen. Du kannst hundertmal die Speisekarte lesen oder dir von einem anderen vorlesen lassen, satt wirst du davon trotzdem nicht. Also ist es wichtig, diese existentiellen Erfahrungen selbst zu machen, nur das bringt einem in seinem Entwicklungsprozess weiter. Das richtig oder falsch ist ja nur eine Frage der Bewertung. Die wiederum vom jeweiligen Standpunkt beziehungsweise Entwicklungsprozess abhängig ist. Jedes Schlechte hat sein Gutes, heisst es. Uns auch darin liegt viel Wahrheit. Wenn ich heute meinen Arbeitsplatz verliere ist das sicherlich schlimm und unter Umständen eine ganz schreckliche und leidvolle Situation. Sie birgt aber auch viele Möglichkeiten. Nämlich einen Arbeitsplatz zu finden, der mir vielleicht noch mehr Freude, Entwicklungsmöglichkeiten, Gehalt und so weiter bietet. Hinterher, rückschauend also, werde ich die Entlassung als positiv betrachten, in der jeweiligen Situation selber natürlich nicht, da mag ich das als grosses Unglück sehen. Eine Bewertung bringt also in letzter Konsequenz überhaupt nichts, da es immer auf den Standpunkt und die jeweilige Situation ankommt. Dinge sind einfach. Dinge geschehen einfach. Daran können wir nichts ändern. Alles ist wie es ist und alles geschieht wie es geschieht. Und wahrscheinlich ist auch alles gut so, wie es ist, auch wenn wir das nicht so empfinden und nachvollziehen können. Aber anstatt sich im Leid zu suhlen, zu trauern und Verantwortliche für die schreckliche  Situation zu suchen –der Staat, mein Chef, mein Mitbewerber- ist es sicherlich besser, nicht zu bewerten, die Situation zu nehmen, wie sie eben ist und bestmöglich darauf zu reagieren. Aus eigener Kraft und Stärke heraus. Glaubt mir, weder der Staat, noch mein Chef, noch ein Mitbewerber ist an meiner Situation schuld, sondern nur eine einzige Person: Ich selbst. Und in dieser Erkenntnis liegt die grösstmögliche Freiheit.

-Also gibt es gar kein Gut oder Böse?

-Vom moralischen Standpunkt her natürlich schon. Wenn ich dir deinen neuen MP3 Player stehle, bin ich ein Dieb. Und vom moralischen Standpunkt her betrachtet böse. Und werde, wenn man mich erwischt, bestraft. Dieser Bestrafungs-Codex ist leider notwendig, weil die Menschen sich aus sich heraus eben nicht ehrlich verhalten, obwohl dies eigentlich ziemlich einfach wäre. Denn jeder Mensch weiss sehr genau, wann er unrecht tut und wann nicht. Und es ist nun wirklich beklagenswert, dass die Menschen zwar imstande sind, zum Mond und wieder zurück zu fliegen, aber nicht in der Lage, jeder für sich selbst einen Moralcodex zu entwickeln, der auch für eine allgemeine Gesetzgebung dienen könnte. Das hat der grosse deutsche Philosoph Immanuel Kant schon vor Jahrzehnten als Maxime des eigenen Denkens gefordert, aber anscheinend ist noch übermässig viel übrig vom sogenannten Reptiliengehirn, dass die Menschen Gesetze, Paragraphen, Strafen und Gefängnisse benötigen. Weil sie sich sonst wahrscheinlich immer noch auf offener Strasse totschlagen würden. Bemitleidenswerte Entwicklung in moralischer Hinsicht. Tja, da seht ihr. Die Technik ist das eine. Die Intelligenz das  andere. Aber Intelligenz geht eben nicht unbedingt mit Klugheit einher.

-Puh, ich finde das ganz schön heftig. Ich glaube nicht, dass ich das alles verstanden habe.

-Ich auch nicht. Aber sagst du uns jetzt, was das für ein Trampeln ist auf dieser Insel?

-Ja, lass uns weitergehen. Ich möchte auch sehen, was da los ist. Die veranstalten da ja einen Höllenlärm.

-Also los, ihr zwei. Ihr werdet überrascht sein. Lasst uns ein Stückchen den Strand entlang gehen. Kommt, zieht eure Schuhe und Socken aus. Spürt, wie warm und weich der Sand ist. Und wie wohltuend für die Füsse, endlich einmal ohne Schuhe zu gehen. Das ist die Gegenwart, versteht ihr? Jetzt, in diesem Augenblick mit nackten Füssen auf dem Sand zu gehen und genau dieses auch wahrzunehmen. Den Sand zu spüren unter den Fussohlen, die Reibung der einzelnen Körner, die  Wärme des Sandes , wie sie heraufzieht in unseren Körper, die Schwere unseres Gewichts. Das ist die Aufmerksamkeit des Moments, das ist Gegenwart, das ist Achtsamkeit, das ist Bewusstheit. Kommt, geht mir nach, versucht, in meine Fusstapfen zu treten, konzentriert euch. Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich schlafe, schlafe ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Das ist das Motto der japanischen Zen-Mönche. Immer konzentriert sein im Augenblick. Nichts anders ist wichtig, nichts anderes existiert.

-Wenn ich furze, furze ich

.-Ferkel!

-Nein, Anna, Luca hat vollkommen recht, auch wenn ich dieses Beispiel nicht unbedingt gewählt hätte. Wenn ich furze, furze ich. Ganz genau.  

Wenn es mir gelingt, im Moment des Furzes, genau bei diesem zu bleiben, habe ich schon viel erreicht. Ihr lacht, das ist gesund. Lacht ruhig, das hier ist ja auch kein Leichenbegängnis. Davon abgesehen, dass Furzen gesund ist. Der schlechte Wind, der hinaus will. Soll er doch. Lassen wir ihn entweichen mit Freude und Bewusstsein und wünschen ihm eine schöne Reise.

-Schöne Reise, Furz!

-Komm nicht wieder!

-Sehr ihr, so macht ihr das richtig. Die meisten Menschen leben eben nicht in der Gegenwart, das könnt ihr jetzt vielleicht ein bisschen besser verstehen. Wenn sie aufstehen, denken sie schon an das Büro, wenn die duschen ans Frühstückmachen, wenn sie frühstücken an ihren Chef, wenn sie im Auto sitzen an den Verlauf des Vormittags und so weiter. Nie sind sie da, wo sie eigentlich sind. Ein intelligenter Chef hat einmal gesagt „Ein Mitarbeiter, der an seinem Schreibtisch vom Strand der Karibik träumt, ist weder in der Karibik, noch an seinem Schreibtisch.“ Recht hat er. Entweder arbeite ich und bin auch voll in meiner Arbeit. Oder ich bin im Urlaub. Und dort denke ich eben nicht an meine Arbeit. Das Phänomen kennt ihr doch auch, dass die Zeit umso schneller vergeht, desto konzentrierter ich an einer Sache arbeite. Oder mit etwas beschäftigt bin. Das kann auch Spielen sein. Wie oft wunderten wir uns als Kinder, dass es plötzlich schon so spät war und wir nach Hause mussten. Das ist ein gutes Zeichen. Das zeigt uns, dass wir voll bei der Sache waren. Eben in der Gegenwart. Die Buddhisten sagen, dass der westliche Geist wie ein Affe ist, der von Baum zu Baum springt und nirgends verharren kann. Genau das müssen wir wieder lernen. Verharren. Und zwar da, wo ich gerade bin. Und bewusst tun, das, was ich gerade tue. Und nicht bereits an das nächste denken.

-Und wie mache ich das?

-Nun, Konzentration, bewusste Konzentration ist die eine Sache. Das hält man aber nur eine kleine Weile durch. Probiert das mal aus. Denkt jetzt mal beide an einen rosa Elefanten. Schliesst eure Augen und stellt euch beide diesen rosa Elefanten vor. Wie er vor euch steht mit seinem rosa Rüssel und euch anschaut. Und nur an diesen rosa Elefanten dürft ihr denken, an nichts anderes. Sobald ihr an irgendetwas anderes gedacht habt, als an diesen rosa Elefanten, ganz egal an was, ruft ihr laut „Hier“. Also, eins zwei drei.

„Hier“

„Auch hier“

„Das ist unheimlich schwierig.“

„Seht ihr. Bewusste Konzentration auf einen Gedanken oder ein Bild funktioniert nur einige Sekunden. Das Denken kann man nicht anhalten. Der untrainierte Mensch jedenfalls nicht. Die Gedanken sind ein stetiger Fluss, der unser Gehirn durchströmt, ob wir wollen oder nicht. Die Menschen meinen, sie sind Herr über ihre Gedanken oder glauben sogar, dass sie sie selber produzieren, kontrolliert jedenfalls, aber das ist ein grosser Trugschluss. Die Gedanken lassen sich nicht so einfach anhalten. Und sie lassen sich auch nicht so ohne weiteres gewollt und kontrolliert produzieren, das habt ihr jetzt ja beide festgestellt. An was habt ihr denn gedacht?“

-Ich habe plötzlich an diesen Film gedacht. Das Dschungelbuch. Und diese lustige Elefantenherde mit dem Chef an der Spitze, der den anderen immer die Haare schneidet und die Rüssel putzt. Den habe ich plötzlich vor mir gesehen.“

„Bravo, Luca, ein gutes Beispiel. Und du, Anna?“

„Ich habe an den Zoo gedacht, in dem wir neulich mit Oma Helga waren. Und diesen riesigen rosa Kakadu mit dem Häubchen auf dem Kopf, der nach mir gepickt hat.“

„Genau, Anna, ebenfalls ein gutes Beispiel. Was ihr hier erlebt habt, nennt man Assoziation. So funktioniert das Denken. Ein Gedanke ist mit dem anderen verknüpft. Ein endloses Band. Erst denke ich an einen Elefanten, daraus entsteht die Verknüpfung zum Dschungelbuch, dann denke ich vielleicht an das Mädchen mit dem Wasserkrug auf dem Kopf, dann denke ich an Wasser und kriege Durst, dann gehe ich in die Küche, um zu trinken, dort höre ich den Fernseher über uns, ich denke an Fussball und die Sportschau, schaue auf die Uhr, gehe ins Wohnzimmer, schalte den Fernseher ein, sehe eine Werbung für Eiscreme, denke an Sandstrand und Urlaub, frage die Mama, ob wir nicht wieder mal nach Griechenland fahren wollen, denke an den leckeren Octopus-Salat dort, kriege Hunger, laufe in die Küche und schaue in den Kühlschrank und so weiter und so fort. Wie ihr seht wird das, was wir tun, vor allem von dem bestimmt, was wir denken. Und dieses Denken unterliegt allen möglichen inneren und äusseren Einflüssen. In jeder Sekunde. Das ist der Fluss. Ihn zu unterbrechen ist so wahnsinnig schwierig. Hier innezuhalten und den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, das ist wahrlich eine grosse Kunst. Wie ihr seht, bin ich in wenigen Augenblicken von einem rosa Elefanten auf einen Octopus-Salat in Griechenland gekommen, verbunden mit verschiedenen Handlungen dazwischen, die ebenfalls innerlich oder –äusserlich motiviert waren,  jedenfalls weder von mir veranlasst, noch bewusst kontrolliert. Wir handeln die meiste Zeit des Tages und damit auch unseres Lebens unbewusst, das ist das Thema auf dieser Insel. Diese Gedanken, das sind die Affen aus unserem Beispiel, die sich sich ziellos von Baum zu Baum hangeln und weder wissen, wo sie sich gerade befinden, noch wo die Reise hingeht.“

-Und was kann man da tun? Ich finde das unheimlich schwierig, sich dauernd so zu konzentrieren.

-Recht hast du, Luca. Das ist auch nicht die Lösung. Also, was wir jetzt erst mal wissen, ist, dass es so funktioniert und wie es funktioniert. Das ist eine ganz wichtige Ausgangsbasis. Die Erkenntnis. Das Bewusstsein. Aha, so läuft’s. Das ist der erste ganz elementare Schritt. Wenn ich die Regeln des Spiels nicht kenne, kann ich nicht mitspielen. Ich kann nur reagieren aber nicht handeln, nicht agieren. Aber genau das wollen wir ja. Also, Regel erkannt. Was tun? Bewusstes Konzentrieren funktioniert nur eine winzige Zeit lang, ja, das ist richtig. Aber je mehr kleine Zeitspannen man sich auf das, was man gerade denkt oder tut, wissentlich konzentriert, desto leichter fällt es einem und desto öfter macht man es. Betrachtet es einfach als Spiel. Ein Spiel, das niemals aufhört. Geht hinein in die Dinge, die ihr gerade tut, beobachtet euch und eure Gedanken. Das ist die zweite Möglichkeit. Spielt den Beobachter. Der Mensch besitzt die wunderbare Gabe, sich selbst beobachten zu können. Wie ein aussenstehender Dritter, wie eine unbeteiligte dritte Person, die nur zusieht, nur beobachtet. Probiert das mal, ihr werdet sehen, es funktioniert. Es ist eigentlich ganz einfach. So, Augen zu, wir probieren das jetzt gleich einmal aus. Sitzt ganz ruhig, und  jetzt stellt ihr euch vor, ihr geht für einen Moment aus euch heraus, ihr stellt euch hinter euch und beobachtet euch, wie ihr da sitzt. Probiert das jetzt und sagt mir dann, was das für ein Gefühl war.“

-Das ist gruselig

-Ich habe das Gefühl, die Zeit steht still

-Ja, ihr habt beide Recht. Es ist zunächst ein etwas gruseliges Gefühl, weil man nicht gewohnt ist, sich selber zu beobachten. Aber es funktioniert und es ist ganz einfach. Und man kann es überall tun. Im Bus, in der Schule, im Büro. Niemand kann es auffallen. Wenn ihr das öfter macht, wird auch das ganz normal. Wie ein Spiel, das man überall und immer machen kann, dann ist es auch nicht mehr gruselig. Und der Eindruck, dass die Zeit stillsteht, stimmt ebenfalls. Das ist das Wesen der Konzentration. Der Fokus. Wenn ich mich selbst beobachte, bin ich mitten drin in der Konzentration, da verliert die Zeit ihre Bedeutung, und wir empfinden das auch genauso. Und so, wie ich mich selbst als Person beobachten kann, kann ich auch meine Gedanken beobachten.

-Aber das funktioniert doch nicht. Das haben wir doch gerade ausprobiert.

-Nein, Anna. Das Sichkonzentrieren auf einen Gedanken funktioniert nicht. Das Anhalten des Gedankenflusses funktioniert nicht. Das ist auch überhaupt nicht notwendig, oder besser gesagt sogar falsch. Alles, was fliesst, ist ein lebendiger Prozess, alles, was starr ist, ist tot, oder dem Tod nahe. Deswegen spreche ich auch von beobachten. Und wenn ich die Gedanken als Fluss betrachte, ist das schon das richtige Bild. Stellt euch einfach vor, ihr sitzt am Flussufer und beobachtet das Wasser, wie es an euch vorbeifliesst. Dieses  Wasser ist eure Gedanken. Ihr haltet nichts an, nehmt keinerlei Einfluss, ihr sitzt einfach da und beobachtet. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Gedanken auch benennen in dem Moment, wo sie an euch vorbeifliessen, das ist ein ganz ganz tolles Spiel. Gedanken benennen. Das könnt ihr auch zu Zweit spielen. Dann seht ihr genau, was passiert und wie es passiert. Und ihr seid dabei. Mittendrin, aber ohne zu stören. Als Erwachsener habe ich festgestellt, dass das Gehirn laufend jede Menge Gedankenmüll produziert, böse Gedanken, schlechte Gedanken, ärgerliche Gedanken, aber anstatt jedes Mal Einfluss zu nehmen und sich zu sagen „Das darfst du aber nicht denken“ oder „Das war ja jetzt ziemlich daneben“ oder sich vielleicht sogar Vorwürfe zu machen, beobachte ich den Müll lieber, wie er vorbeitreibt und sich irgendwo in der Unendlichkeit des Meers auflöst. Das geht schneller und viel einfacher. Eine andere Möglichkeit ist, sich das Gehirn als leeren blauen Himmel vorzustellen, über den Wolken –das sind die Gedanken- treiben. Dann könnt ihr die Wolken beobachten, zählen und benennen. Und vielleicht entdeckt ihr ja tatsächlich irgendwann einmal eine Lücke zwischen diesen Wolken, diesen Gedanken, ein Stück klaren blauen Himmel, der aufscheint, bevor die nächste Wolke vorüberzieht, dann, liebe Kinder, dann habt ihr ein Stück von Tulagiri entdeckt, einen Schimmer des Paradieses. Denn da, wo keine störenden Gedanken mehr sind, und sei es nur für einen winzigen Moment, da ist Ruhe und Frieden, da ist das Paradies.

-Wow. Man kann es also tatsächlich selbst entdecken, dieses Tulagiri? 

-Selbstverständlich. Wie ich bereits gesagt habe. Es ist bereits in jedem von uns. Man muss es nur finden. Nicht suchen, sondern finden. Das ist die Kunst. Wer sucht, der sucht. Der findet nicht. Suchen, das ist Mühsal, Mühe, Anstrengung, das ist die willentliche Konzentration, die uns nur so schwerlich gelingt. Finden, das ist das Geschehenlassen, das Zulassen, das anstrengungslose Beobachten. Dann geschieht es. Ohne Zwang, ohne Not. Irgendwann. Unvorhergesehen. Plötzlich. Schlagartig. Plötzlich ist sie da, die Lücke im Himmel, der Schimmer, das blaue Licht des leeren Himmels, das aufstrahlt zwischen den Wolken. Dann verstehe ich, was mit Tulagiri gemeint ist und wie es dort aussieht. Dann habe ich es selber gespürt. Und weiss, wie es sich anfühlt. Ab dann ist es viel leichter. Einem Blindem, der blind geboren ist und noch niemals  Farben gesehen hat, zu erklären, was Farben sind und wie Farben aussehen, ist unglaublich schwierig, überlegt euch das mal. Aber ein Blinder, der schon einmal Farben gesehen hat, der wird euch viel schneller verstehen. Der weiss genau, wovon ihr sprecht. Der wird das auch niemals vergessen. Das kann man nicht vergessen.

-Das werden wir ab sofort immer wieder spielen. Gedanken beobachten.

-Gedanken fangen.

-Ganz richtig. In dem Moment, wo ihr einen beobachtet und benennt, habt ihr ihn sozusagen gefangen. Mal schauen, wie viel ihr so fangt über den Tag verteilt. Je öfter ihr das macht, desto mehr Spass werdet ihr daran haben. Vor allem werdet ihr auch den Unterschied zwischen den Menschen bemerken, die dieses Spiel ebenfalls kennen und machen und denen, die es nicht kennen und nicht wissen.

-Wie denn? Wie soll man das denn erkennen?

-Ganz einfach, Luca. Ihr müsst nur in die Gesichter der Menschen sehen. Dort steht es geschrieben. Dort könnt ihr es ablesen. Oder spüren. In ihren Herzen. Wenn ihr das Spiel einige Zeit gespielt habt, werden euch die meisten Menschen wie Roboter vorkommen. Wie fremdgesteuerte Maschinen. Und nichts anderes sind sie auch, obwohl sie, wenn man ihnen das sagen würde, entsetzt wären und genau das Gegenteil behaupten würden. Aber sie sind eben nicht Herr ihrer selbst. Sie sind fremdbestimmt und leben unbewusst. Wie Maschinen eben, Roboter. Schläfer, die meinen, sie seien wach. Bilden sich ein, sie hätten die Kontrolle und laufen umher wie aufgezogene Puppen. Schaut sie euch an, ihr werdet es erkennen. Diese Menschen schlafen, sie sind nicht wirklich wach. Spürt in sie hinein, ihr werdet es fühlen. Diese Menschen sind starr und leblos. Und bei denen, die das Spiel kennen, werdet ihr es ebenfalls bemerken. Ihr werdet es sehen, ihr werdet es spüren. Und dann sprecht sie an. Das gehört ebenfalls mit zum Spiel. Das Finden von Gleichgesinnten, das Aufspüren von Mitspielern. Das ist das Allerinteressanteste an diesem Spiel. Ihr kennt sie nicht, eure Mitspieler, ihr müsst sie erst finden. Es gibt wenige, aber es gibt sie. Und die Suche lohnt. Für jeden einzelnen, das werdet ihr merken. Egal, ob Kinder oder Erwachsene. Oft haben Kinder das Gespür und verlieren es wieder. Spielt das Spiel mit ihnen, auf dass sie es nie wieder verlieren.

-Ich finde bestimmt welche. So schwer kann das doch wohl nicht sein.

-Ich finde bestimmt mehr als du.

-Zicke!

-Ich bin gespannt. Oft ist es den Menschen auch gar nicht bewusst, dass sie sich in so einem Zustand befinden. Sie sind auf Tulagiri  und merken es nicht. Dass sind die Zustände, in denen die Zeit vergeht, ohne dass man es bemerkt. Das können Kinder sein, die von ihrem Spiel so gefangen sind, dass sie die Zeit vergessen, das können Erwachsene sein, die musizieren, malen oder im Kino von einem Film völlig gefangen sind. Diesen Zustand nennt man Meditation. Man ist so völlig gefangen von dem, was man tut, dass fü nichts anderes Platz ist. Auch für keinen anderen Gedanken. Fällt euch das auf, das habt ihr alle beide schon erlebt. Und für die Zeit ist auch kein Patz mehr. Warum? Erinnert euch. Zeit gibt es nur im Gestern und Morgen. Heute ist immer jetzt, heute ist immer ewig. Im Jetzt, im hier und jetzt ist kein Platz für Zeit, deshalb existiert sie in diesem Zustand nicht. Und wenn wir plötzlich wach werden, wenn wir plötzlich merken, dass es urplötzlich dunkel geworden ist, wenn uns einfällt –die Gedankenfluss setzt wieder ein- dass wir ja nach Hause müssen, wenn der Film plötzlich zuende ist und das Licht angeht und wir die anderen Menschen sehen und den Regen draussen hören und daran denken –die Gedanken- dass wir ein Taxi benötigen, dann ist die Zeit wieder da, aber diejenige Zeitspanne dazwischen, diejenigen Stunden vom Beginn des Spiels bis zum Ende, vom Beginn des Films bis zum Abspann, diese Zeit hat niemals existiert, diese Zeit war pure Gegenwart, war Hier und Jetzt, war ein Stückweit Tulagiri. In diesem Zustand werden die besten Bücher geschrieben  und die schönsten Bilder gemalt.

-Auf Tulagiri?

-Genau. Auf Tulagiri. Auch wenn der Schriftsteller oder Maler gar nicht weiss, dass er auf Tulagiri war. Oder es überhaupt ein Tulagiri gibt.

-Deswegen lacht der König so viel? Weil da Leute sind, die Bücher schreiben und malen und gar nicht merken, dass sie auf einer Insel sind?

-Und die anderen gar nicht sehen? Die vielleicht auch malen und Bücher schreiben.

-Und die Kinder, die dort alle spielen? Stört das Geschrei die Maler denn nicht?

-Nein, Anna. Das hören die nicht. Die Maler auf Tulagiri haben nur den Blick für ihr Bild. Für ihre Staffelei, ihre Farben, ihr Modell. Das Gehör ist praktisch ausschaltet. So konzentriert sind die, dass sie einfach nichts anderes sehen und hören. Ab und zu kommt sogar der König vorbei und gibt ihnen einen kleinen Tip, einen Hinweis, hilft ihnen ein wenig, wenn sie nicht mehr weiterkommen. Wenn dem Schriftsteller gerade nichts einfällt, der Erfinder sich die Haare rauft. Dann hilft der König, auch das ist seine Aufgabe. Und das macht er gerne. Aber nur bei denen, die zu ihm nach Tulagiri kommen.

-Und das merken die auch nicht. Dass da jemand bei ihnen steht und ihnen was ins Ohr flüstert.

-Genau. Das bezeichnet man als Eingebung. Oder Inspiration. Oder Genialität. Es gibt viele Begriffe.

-Die Muse, die küsst…das sagst du doch auch immer, Papa?

-Ganz genau, Luca. Die Muse, die mich küsst. Das ist in Wirklichkeit  der dicke König, der sich totlacht, weil ich dabei an das bildhübsche Mädchen denke, in das er sich verwandelt hat und nicht an den dicken König von Tulagiri.

-Aber jetzt wissen wir’s. Jetzt kann er uns nichts mehr vormachen.

-Genau, Luca.

-Sehen wir ihn denn mal beim Spielen?

-Ganz bestimmt. Öfter, als ihr denkt. Ihr habt ihn schon hundertmal gesehen. Jedesmal, wenn ihr eine schöne Pflanze seht oder ein hübsches Tier, eine besonders schöne Spinne oder ein flinkes Eichhörnchen in etwa, dann könnt ihr sicher sein, dass es der König von Tulagiri ist, der sich verwandelt und versteckt hat. Er liebt dieses Spiel. Besonders mit Kindern.

-Dann hab’ ich ihn schon hundertmal gesehen.

-Ich auch. Aber eine Spinne…

-Ich weiss, was du jetzt sagen willst, Anna. Aber schau dir das nächste Mal diese Spinne einfach ganz genau an. Die Maserung ihres Rückens, das wunderbare Netzt, das sie in unendlicher Kleinarbeit gefertigt hat, die Geduld, mit der sie auf der Lauer liegt, das ganze Wunder der Schöpfung, das sich in dieser Spinne offenbart.

-Ich bin gespannt auf dieses Spiel.

-Ich auch. Das probieren wir aus. Meine Freundinnen machen sicher alle mit. Und den König sehe ich bestimmt auch irgendwann.

-Ganz bestimmt, Anna. So, und jetzt wollen wir uns mal ein wenig die Insel anschauen.

-Mein Gott, was ist denn das?

-Sackhüpfen. Die machen Sackhüpfen. Vielleicht ist das ja ein

 Kindergeburtstag.

-Nein, Anna. Kindergeburtstag ist das keiner.

-Daher kommt der Höllenlärm. Das sind ja Tausende. Und wie bescheuert die hüpfen. Vor und zurück.

-Schaut sie euch mal genauer an. Fällt euch irgendetwas besonderes auf?

-Sie haben verbundene Augen.

-Die sehen ja gar nicht, wohin sie hüpfen.

-Deshalb stossen sie auch dauernd zusammen. Und fallen um. Mit ihren grossen Säcken.

-Genau. Setzt euch mal hier hin, in den Sand mit mir. Und lasst uns das zusammen ein Weilchen beobachten. Ich habe euch ja erzählt, dass auf jeder Insel etwas gelernt werden muss. Und wer nicht hören will, muss fühlen. Und genau das seht ihr hier: Jede Menge Menschen, die blind umherhüpfen. Nach hier, nach da, nach vorn, nach hinten. Sie sind überall, nur nicht da, wo sie eigentlich sein sollten, nämlich im „Hier“ und „Jetzt“. Und dabei stossen sie natürlich permanent mit anderen zusammen, verursachen Karambolagen und Unfälle und müssen sich mühsam wieder neu aufrappeln.

-Das ist doch irre. Warum legen sie denn nicht einfach ihre Binden ab?

-Und werfen Ihre Säcke weg?

-Weil sie so blind sind, dass sie gar nicht merken, dass sie eine Binde tragen, die sie einfach nur abnehmen müssten. Genau deswegen. Wenn sie einen Moment innehalten würden und überlegen, dann würde ihnen vielleicht klar werden, dass sie eine Binde über den Augen haben. Und würden diese dann abstreifen.  Seht ihr den alten Mann da drüben, der so laut lacht, der hat’s jetzt gemerkt.

-Wo geht der denn jetzt hin? Wiese hilft er den anderen nicht? Das ist ja wirklich das pure Chaos.

-So doof kann doch niemand sein.

-Doch, Anna. Eben schon. Der überwiegende Anteil der Menschheit sogar, um genau zu sein. Laufen blind durch die Gegend und merken es nicht. Leider, aber genauso verhält es sich. Der alte Herr übrigens –schaut mal, wie der andauernd den Kopf schüttelt, er kann es einfach nicht fassen, dass er so lange blind durch die Gegend gelaufen ist- der geht jetzt weiter zur nächsten Insel, der hat diese Prüfung bestanden.

-Und die anderen? Die müssen bleiben?

-Wieso hilft er denn den anderen nicht? Oder sagt ihnen, was sie machen müssen.

-Hört ihr diesen Lärm? Selbst wenn er wollte, würden ihn die anderen nicht hören. Schaut, da drüben. Es gibt immer wieder welche, die den anderen zurufen wollen, wie es geht, wie einfach es geht. Aber die hören nicht zu. Sie sind nicht nur blind, sondern auch taub. Da hilft alles gutgemeinte Rufen nichts. Jeder muss seine Erfahrung selber machen, denkt daran.

-Und die da? Die haben keine Binde mehr und hüpfen trotzdem. Die sind ja wohl total bescheuert.

-Nein, sind sie nicht. Die können einfach nicht anders. Die haben zwar erkannt, dass sie blind waren, verstehen aber immer noch nicht, dass sie einfach in der Gegenwart ruhen müssen. Das sind die Affen, die von Baum zu Baum springen. Erst wenn sie auch das erkannt  haben, werden sie ihren Sack abstreifen können und weitergehen zur nächsten Insel.

-Wie der da drüben, der so seltsam schaut.

-Genau. Im Moment der Erkenntnis kommt man sich immer wie der grösste Vollidiot vor.

-Hilft einem denn wirklich niemand. Ich finde das ziemlich unfair.

-Doch, Anna, es gibt Hilfe. Wenn ihr jetzt aufsteht und ein wenig weiter geht mit mir, dann zeige ich euch auch, wo. Nehmt eure Schuhe in die Hand, wir können am Strand weiterlaufen. Da, wo der Sand weich ist, sinken die Hüpfer ein, wir brauchen also keine Angst haben, überrollt zu werden.

-Sowas Bescheuertes habe ich selten gesehen.

-Es ist immer einfach zu urteilen, wenn man selber nicht dabei ist, Luca, merk dir das. Als Beobachter ist man ja selber nicht betroffen. Aber denk daran: Das kann dir in jedem Moment selbst genauso passieren.

-Dann hüpfst du auch kreuz und quer. Und sinkst ein im Sand.

-Dumme Ziege. Pass nur auf, dass du selber nicht so dämlich rumhüpfst mit deinen Freundinnen.

-Sachte, Kinder, sachte. Wir sind ja hier, um zu lernen.

-Mensch, da ist ja eine riesige Hüpfburg.

-Können wir da auch mitmachen?

-Natürlich Kinder. Nur zu, wenn ihr Lust habt. Das ist die Hilfe, von der ich gesprochen habe, Anna. Sehr ihr, wie die Kinder hüpfen?

-Na ganz normal.

-Auf und ab eben. Wie in jeder Hüpfburg.

-Genau Auf und ab. Vertikal also. Und nicht horizontal wie die armen  Menschen da draussen. Die Kinder hüpfen vertikal, also auf einer Stelle, auf den Moment konzentriert. Exakt in der Gegenwart. Das ist das Beispiel, die Hilfe für die Erwachsenen. Für die, die zumindest die Binde abgenommen haben und sehen können. Wenn Sie sich nur einen Moment Zeit nehmen würden und die Kinder beobachten, würden sie sofort erkennen, wie man es richtig machen muss. Dann wären sie sofort erlöst. Könnten ihren Sack abstreifen und gehen. Die Erkenntnis kommt oft schlagartig.

-Aber die Kinder…da verschwinden Kinder in der Hüpfburg.

-Keine Sorge, Luca. Das ist das Tor zur zweiten Insel. Wir hüpfen sozusagen weiter. Auch die Erwachsenen können das tun, eine kleine Abkürzung sozusagen. Denkt an das, was ich euch zu Beginn über Jesus gesagt habe: Wollt ihr ins Paradies, müsst ihr wie die Kinder werden. Das ist immer noch wahr. Also los, gehen wir hüpfen.

Das waren Prolog und erste Insel aus "Die Reise nach Tulagiri". Wenn es Ihnen gefallen hat und Sie wissen möchten und neugierig darauf sind, wie die Reise für Luca und Anna weitergeht und was sie auf den anderen 9 Inseln erleben, dann schreiben Sie mir unter

ommadawn@email.de  und ich werde nach und nach alle anderen Inseln an diesem Ort ins Netz stellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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